Aus Energiesparen wird Energieeffizienz wird Lebensqualität

Mai 2017

Dass Energie gespart werden müsse, das ist ein Mantra, das wir Zeitgenossen der Nachhaltigkeit im Schlaf aufsagen können. Zumal im pädagogischen Bereich wird es täglich tiefer in den Gehirnen verankert, Energie nicht verschwenden, Wasser sparen und den Müll trennen, das bringen wir jedem nachwachsenden Schülerjahrgang schon in der Grundschule bei. Wir leben ja insgesamt über das Maß dessen, was uns global gesehen zusteht, so dass das Bild vom übergroßen Fußabdruck inzwischen auch den Zehnjährigen geläufig zu werden verspricht.

Das Paradigma vom Sparen löst sich allerdings zunehmend auf, je mehr sich zum Beispiel auch Schüler/innen mit der Realität der Energieverwendung in ihrem schulischen Umfeld beschäftigen. Wir betreuen eine Vielzahl von Projekten, die in Schulen mit dem Auftrag gestartet sind, mehr Energie im Gebäude einzusparen. Manche dieser Projekte werben um Mitarbeit sogar mit der Aussicht, die Hälfte der eingesparten Energiekosten in Euro an die jeweilige Schule auszuschütten. Doch siehe da, immer mehr dieser Projekte stoßen darauf, dass das Schielen nach den „Energielecks“ und Einsparpotenzialen den Blick verengt und nur eine begrenzte Vernunft für sich hat. Drei Beispiele:

 

  1. Licht. Braucht man zum Lernen in der Schule. Es gibt dafür auch Arbeitsplatznormen, die anzuwenden sind. Gehen nun engagierte Schüler durch die Klassenräume und messen die Beleuchtungsstärken an den Schülerarbeitsplätzen, stellt sich regelmäßig heraus, dass ein Drittel bis die Hälfte der Arbeitsplätze teilweise weit unter der Norm von 500 Lux liegt. Also lautet die Forderung der jungen Energiebeauftragten: Gebt uns mehr Licht! An der Beleuchtungsstärke zu sparen, um das Klima zu schützen, wäre ja auch so widersinnig, dass das niemand fordert. Mehr Licht ohne mehr Strom zu verbrauchen, ist nicht einfach. Ob das mit LED statt Leuchtstoffröhren gelingt, wird ansatzweise in den Energiesparprojekten jetzt diskutiert. Meist sind es die hohen Investitionen, die einer praktischen Überprüfung erst einmal Grenzen setzen.
  2. Luft. Auch das ist im Winter ein sehr oft knappes Gut in unseren Schulen, wenn die CO2-Werte im Klassenzimmer munter in Richtung 3000 ppm gehen. Ab 1000 ppm sollte aktiv gelüftet werden, heißt es in diversen Empfehlungen und Richtlinien. Da wir die Gebäude immer besser abdichten und die Fenster in den Schulen aus Sicherheitsgründen immer häufiger verschlossen bleiben, leidet die Konzentrations- und Lernfähigkeit der Schüler und wird zum Opfer der Energiespar- und Klimaschutzidee. Solange wir die Klassen nicht alle mit CO2-Messanzeigen ausstatten, effektive Lüftungspausen in den Unterrichtstag integrieren und durch intelligente Steuerungen dafür sorgen, dass die Heizungsthermostate während des Lüftens schließen, müssen wir uns entscheiden: Lernqualität oder Energiesparen.
  3. Wärme. In vielen Schulen bekommen wir das Thema „Wärme“ nicht wirklich in den Griff. So dass es effektiv ist – also ausreichend warm – und gleichzeitig effizient, also so wenig Energie wie nötig eingesetzt wird. Denn an den meisten Schulen wurde kein sauberer hydraulischer Abgleich der Heizung vorgenommen. Die Folge sind ungünstige Druckverhältnisse im Heizsystem, was in Teilen der Schule überhitzte und in anderen Teilen zu kalte Räume zur Folge hat. Kein Wunder, dass so mancher Schulhausmeister durch manuelle Eingriffe in die Systeme trickst und lieber so viel heizt als möglich, damit sich niemand beschwert. Denn die Temperaturregelung durch das dauerhafte gekippte Fenster stört uns sehr viel weniger als wenn es im Raum zu kühl ist. Auch ein Bürgermeister erzählte uns jüngst von seinem Hausmeister im Rathaus, der das Problem dadurch löst, dass er ein Zehn-Cent-Stück in den Thermostatkopf einbaut, damit der Ventilstift nicht mehr schließt.

 

Schülerinnen und Schüler, die wir mit dem Auftrag durch die Schulgebäude schicken, Energie zu sparen, lernen schnell, dass es nicht einfach ums Sparen gehen kann. Und wenn sie dann beginnen, sich mit der Effizienz des Energieverbrauchs auseinanderzusetzen, relativiert sich alles noch einmal. Denn ohne die Frage, welche Lebensqualität wir an unseren Schulen haben wollen, lässt sich keine Effizienzdebatte führen. Und wenn wir weiterhin an der sauberen technischen Anpassung der vorhandenen Systeme an die Gebäudeverhältnisse und die Nutzerbedürfnisse sparen, dürften die Schüler/innen den Glauben an die Rationalität unserer Nachhaltigkeitsappelle allmählich verlieren.


Die Erlösung des Konsumenten

Februar 2017

Mit dem Auftritt von Michael Kopatz in der Berliner stratum lounge schloss sich für den Gastgeber ein Kreis. Die Beratungsagentur stratum hatte sich nämlich 2008, als man mit dem Büro von München nach Berlin umgezogen war, in der Hauptstadt mit einer Studie zur Zielgruppe der LOHAS-Menschen vorgestellt, die in der „grünen“ Szene für Aufregung sorgte. Der „Lifestyle of Health and Sustainability“ (LOHAS) war seinerzeit als Merkmal einer Konsumentengruppe entdeckt worden, die die Welt allein durch die richtigen Kaufentscheidungen besser, ökologischer, nachhaltiger machen sollte. Allenthalben wurden große Hoffnungen in diese Option gesetzt, sich eine bessere Welt quasi kaufen zu können und Genuss und gutes Gewissen endlich unter einen Hut zu bringen. Der Abschied vom Verzichts-Ethos der grünen Bewegung schien eine psychohygienische Kraft zu entfalten. Plötzlich bekam die Vision einer umweltverträglichen Zukunft unseres Lebensstils wieder Nahrung. Der „strategische Konsum“ sollte die Welt retten.


Und dann die stratum-LOHAS-Studie, die im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt durchgeführt wurde. Am 6. November 2008 berichtete Peter Unfried in der Tageszeitung taz ausführlich über die Ergebnisse – unter der Headline „Die Öko-Egoisten“. Auch die LOHAS entpuppten sich in erster Linie als Konsumenten, auf ihren Vorteil bedacht. Die ständige Herausforderung, irgendwie das eigene Ökogewissen beruhigen zu müssen, macht die Zielgruppe anfällig für Greenwashing. LOHAS leben mit der latenten Verunsicherung, das Richtige zu tun. Die moralische Anforderung, als Konsument die Welt nicht zu schädigen, führt in einen dauerhaften Zwiespalt. Als Entlastung kauft man Bio, fliegt aber dennoch zweimal im Jahr in die Ferne. Es ist bekannt, dass gerade Grünen-Wähler am häufigsten fliegen.

Erlösung für den Konsumenten kommt jetzt aus dem Wuppertal Institut, dem renommierten Think Tank der Nachhaltigkeit. Wuppertal-Wissenschaftler Michael Kopatz hat ein Buch geschrieben, das „Ökoroutine“ heißt (oekom verlag, EUR 24,95). Zum Autorenabend bei stratum kam er mit einer "nachhaltigen" Trinkflasche für Leitungswasser. Seine Botschaft war aber eine ganz andere: Kopatz entlässt den Konsumenten aus der Verantwortung für Ökologie und Nachhaltigkeit. In seinem Buch zeigt er, was wirklich helfen kann, den Klimawandel und die Umweltkrise zu bekämpfen: Einfache, aber wirksame strukturelle Maßnahmen durch die Politik. Zum Beispiel:

  • Ende des weiteren Straßenausbaus
  • Schritt für Schritt die gesetzlichen Anforderungen an die Landwirtschaft auf Bio-Niveau heben
  • Nach und nach alle umweltschädlichen Subventionen radikal abbauen
  • Werbebeschränkungen für ungesunde und klimaschädliche Produkte.

Am Beispiel des Rauchens oder der gesetzlichen Anforderungen der Energieeffizienz von Gebäuden exemplifizierte der Wissenschaftler den Effekt solcher Maßnahmen, die „natürlich immer gegen Widerstand“ durchgesetzt werden müssen. Aber es geht.


Damit dürfte das Ende der LOHAS-Ära in der Nachhaltigkeitsdebatte offiziell besiegelt sein. Michael Kopatz rechnet uns in seinem 400-Seiten-Buch für jeden unserer Konsumbereiche vor, dass und wie staatliche und wirtschaftspolitische Eingriffe so viel effektiver sind als Appelle an das Öko-Gewissen des Konsumenten. Aber nicht nur für die Verbraucher brächte eine von oben verordnete Öko-Routine eine immense Entlastung. Auch Konzernchefs sind zu 80 % der Auffassung, dass nur strengere gesetzliche Vorgaben und Kontrollen zu einer nachhaltigeren Wirtschaftsform führen.


Was fehlt ist der Mangel an wissenschaftlicher Expertise zu Ökoroutinen. Es werde hier einfach nicht geforscht, bemängelte Kopatz. Degrowth Konferenzen, auf denen das Wachstum symbolisch bekämpft wird, seien kein Ersatz dafür. „Nur zu schrumpfen, wäre katastrophal“, meint Kopatz und erzählt, dass er in diesem Punkt auch seinem Kollegen Nico Paech gerne widerspricht.

 

Einen Haken hat die Sache aber: Die Politik lässt sich von Michael Kopatz (bisher) nicht beraten. Er werde von Politikern nicht angefordert, berichtete er auf Nachfrage von stratum, denn „die Politiker glauben immer, sie haben selbst bereits die Lösungen“.


Können wir Nachhaltigkeit lernen?

Januar 2017

Von Dennis Meadows, dem Autor der legendären „Grenzen des Wachstums“-Studie von 1972 stammt eine Wirtschaftssimulation, die wir bis heute in Führungstrainings, Nachwuchs-Workshops und in der politischen Bildung einsetzen. Bei dem computergestützten Simulationsspiel geht es um die Befischung verschiedener Meeresgebiete, die Mitspieler bilden konkurrierende Unternehmensteams. Die Aufgabe ist, wirtschaftlich erfolgreich zu agieren, ohne die ökologischen Grundlagen des eigenen Wirtschaftens zu ruinieren.


Obwohl Meadows Fortschrittspessimist ist, ist „Fish Banks“ nicht vor dem Hintergrund einer Katastrophenpädagogik konstruiert, sondern basiert auf seriösen Populationsdynamiken von Fischbeständen der Hochsee und küstennaher Fanggründe. Die Katastrophen erzeugen fast regelmäßig die Teilnehmer der Simulations-Workshops.


Spiel oder Ernst? Immer, wenn wir mit dem Führungs- und Unternehmernachwuchs einen "´Fish Banks"-Workshop veranstalten, wird aus dem Simulationsspiel schnell eine ernste Situation: Schaffen es die konkurrierenden Fischereiunternehmen zu einer nachhaltigen Fangstrategie zu kommen? Oder ist das Meer dann doch nach einigen Jahren (Spielrunden) leer gefischt? Klappt ein zweiter Versuch besser? Die Dynamiken, die hier am Werk sind, machen hinterher sehr nachdenklich. Sind wir für Nachhaltigkeit doch nicht geschaffen?


Die beiden folgenden Grafiken zeigen ein durchaus repräsentatives Bild der Spielverläufe. Der erste Versuch (linkes Diagramm) zeigt ein Scheitern, also die totale Überfischung aller Fanggebiete, nach fünf Jahren (= Spielrunden). Das Geschehen war hier getrieben von einem der sechs Teams, das sehr expansiv auftrat, seine Flotte rasch vergrößerte und das Geschehen beherrschte. Nur in zwei der Teams, die aus jeweils vier bis fünf Mitgliedern bestanden, machte man sich die Mühe, aufgrund der Daten der jeweiligen Fangjahre Berechnungen anzustellen, um die Entwicklung der Erträge pro Schiff zu berechnen. Bezeichnenderweise waren dies Teams, in denen nicht die Männer den Ton angaben, sondern mehrere Frauen waren. Allerdings trauten diese sich nicht, ihre Erkenntnisse in „Politik“ umzusetzen. Sie zogen zwar für ihr eigenes Unternehmen die richtigen Schlüsse, aber ließen die anderen Firmen mit ihrer expansiven und stark kompetitiven Strategie gewähren.

Im zweiten Durchgang, als die Teams also bereits einmal auf die Nase gefallen waren und die Risiken besser einzuschätzen wussten, lagen dann auch auf allen Tischen Smartphones als Taschenrechner. Auch wurde der Versuch gemacht, im Fischerei-„Verband“, in den alle Teams ein Mitglied entsandten, Absprachen zu treffen und durchzusetzen. Das erwies sich jedoch als schwierig und am Ende unmöglich, weil die Unternehmensstrategien der verschiedenen Teams doch sehr unterschiedlich waren und die stärker auf Wettbewerb und Expansion ausgerichteten Teams im Grunde bei ihrer Strategie blieben. Trotz der Taschenrechner schafften es die Mitspieler, die Hochsee in sechs Fangjahren wieder an den Rand des Ruins zu bringen. Man hatte nicht darauf geachtet, die unterschiedlichen Bedingungen in den Fanggebieten zu berücksichtigen, sonst hätte man sich von den Fängen an der Küste nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass die Hochsee bald wieder fischleer sein würde.


Was sich aus solchen Erlebnissen und Spielerfahrungen lernen oder auf die Wirklichkeit übertragen lässt, hängt davon ab, aus welcher Lebenswelt die Mitspieler jeweils kommen. Vor kurzem haben wir „Fish Banks“ mit dem politisch interessierten Nachwuchs aus der Landwirtschaft gespielt. Dabei zeichneten sich am Ende zwei Reaktionen auf die aufwühlenden Spielerfahrungen ab. Die einen versuchten, durch Firmenfusionen und -aufkäufe die schwierigen Abstimmungs- und Entscheidungskämpfe in der Branche zu minimieren, andere Gruppen gaben auf mit der Begründung: „Wir wollen nicht in einem Bereich wirtschaften, in dem wir natürliche Ressourcen nur ausbeuten, aber nichts aktiv dazu beitragen können, dass etwas nachwächst. Wir verkaufen die Fischereifirma und investieren wieder in Landwirtschaft.“ Dass man auf den Weltmeeren nicht säen muss, um zu ernten, war diesen jungen Meinungsführern aus der Landwirtschaft ein Problem, dem sie entgehen zu können glauben, wenn sie statt auf bewegten Meeren auf der festen Scholle agieren.


Dass das ein Trugschluss ein könnte, zeigen die jüngsten Äußerungen des Präsidenten der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG), Carl-Albrecht Bartmer. Dieser nämlich wies darauf hin, dass zu enge Fruchtfolgen und ein zu hoher Chemikalieneinsatz in der Landwirtschaft inzwischen zu sinkenden Ernteerträgen führen. Immer mehr Pflanzenschädlinge und Krankheitserreger in der Tierhaltung entwickelten Resistenzen gegen die eingesetzten Mittel. Am Denken in ökologischen Systemen führt nichts vorbei, rein lineare Wachstumsstrategien funktionieren nirgends.


Wir können Technik - Aber ohne den Menschen funktioniert sie nicht wirklich

Dezember 2016

In Deutschland sind wir stolz auf unsere Ingenieursleistungen. Auch für die Verbesserung der Energieeffizienz im Gebäudemanagement bietet die Technik jede Menge perfekter Lösungen. Das Dumme ist nur: Es wird nicht wirklich was gemanagt. Sonst würde man auf den menschlichen Faktor und die Rahmenbedingungen, die beim wirkungsvollen Einsatz von Technik eine wesentliche Rolle spielen,  ebenso viel Sachverstand und Professionalität verwenden wie auf die ingenieurmäßige Seite des Problems. Beim 7. Energieforum in Halle am 9. November konnte man davon wieder mal ein Lied singen.

 

Eine knappe Stunde lang diskutierten 40 Teilnehmer des Energieforums sowie die beiden Experten Tanja Loitz (co2online) und Eberhard Hinz (IWU) über die Frage, wie man die Sanierungsaktivität der privaten Hausbesitzer erhöhen könnte. Schließlich gelte es, einen „schlafenden Riesen“ zu wecken, also ein enormes Potenzial an Energieeffizienz zu erschließen. Im Eröffnungsvortrag hatte Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert gefordert, die derzeitige Sanierungsquote von knapp einem Prozent auf zwei Prozent zu verdoppeln, um die Ziele der nationalen Klimastrategie zu erreichen. In ihrem Fachvortrag im Plenum hatte Tanja Loitz festgestellt, dass nur ein knappes Drittel der sanierungsaktiven Eigenheimbesitzer einen Energieberater hinzuziehen, nur in 40 % der Fälle auch Förderprogramme in Anspruch genommen werden – die gewisse Qualitätsstandards auch in der Beratung beinhalten – sowie in den meisten Fällen die Anpassung neuer Technik an die bauliche Situation und die Nutzeranforderungen (Stichwort „hydraulischer Abgleich“) unterbleibt. Eberhard Hinz wies zudem darauf hin, dass beileibe nicht jede energetische Sanierungsmaßnahme sich auch wirtschaftlich rechnet.

In der moderierten Diskussion wurden folgende Hemmnisse für die Weckung des „schlafenden Riesen Wärmeeffizienz“ benannt und unterschiedlich intensiv diskutiert:

  1. Die „Beratungsabstinenz“ der Hauseigentümer
  2. Die suboptimale Nutzung spezifischer Förderprogramme
  3. Die Vernachlässigung der Gebäude-„Kybernetik“, also der Anpassung und Einregelung technischer Anlagen für einen tatsächlich effizienten Betrieb und der Abstimmung verschiedener Komponenten aufeinander (Heizanlage, Fenster, Dämmung etc.)
  4. Die schwer zu berechnende Wirtschaftlichkeit der Investitionen
  5. Der Mangel an qualifizierten Handwerkern sowie die unzureichende Koordination aller an einer Sanierung Beteiligten

Im Fokus der Diskussion stand zunächst die Energieberatung. Dass Hausbesitzer den Wert einer solchen Beratung nicht erkennen, wurde vor allem auf zwei Faktoren zurückgeführt: Zum einen gebe es keine Qualitätsstandards für das Berufsbild „Energieberater“, denn letztlich könne sich jeder so nennen. Eine staatlich überwachte Qualitätsgarantie wäre hier hilfreich. Zum anderen ist jedoch für die Hausbesitzer selbst „Energie“ bzw. Energieeinsparung kein wesentliches Motiv. Insofern müssten die Energieberater eher so etwas wie „Wohnqualitätsberater“ sein.

 

Dies erklärt auch zum Teil, dass für Energieberatung nicht gern Geld ausgegeben wird. Die Vertreterin des Verbraucherschutzes im Workshop berichtete, dass die Zahl der Energieberatungen deutlich zurückgegangen sei, seit sie nicht mehr kostenlos sind, sondern 5 Euro kosten. Bei den Beratungen der Verbraucherzentrale handelt es sich um Erstberatungen, die nur der ersten Orientierung und Sensibilisierung für das Thema dienen. Es sollte überlegt werden, ob nicht der Staat diese Einstiegs-Energieberatung finanziell fördern sollte, um sie wieder kostenlos anbieten zu können. Die Beratungskapazitäten der Verbraucherzentrale würden eine deutliche Steigerung der Beratungen ohne weiteres zulassen.

 

Im Workshop berichteten einzelne Energieberater jedoch auch von sehr positiver Resonanz und einer starken Nachfrage. Die Gründe dafür liegen in

  • ständiger Fortbildungsbereitschaft und Erweiterung des Kompetenzspektrums
  • aktiver Netzwerkarbeit und gekonntem Eigenmarketing, also einer hohen kommunikativen Kompetenz
  • der „Resistenz“ gegen die Lobbyarbeit der Hersteller, um eine neutrale und vertrauenswürdige Beraterposition gegenüber dem Kunden aufzubauen.

In der Schlussphase des Workshops wurde ein Mangel an ordnungspolitischer Unterstützung sowie das Fehlen von übergreifenden und wirkungsvollen Werbekonzepten diskutiert. Der verpflichtende und tatsächlich nachgewiesene hydraulische Abgleich im Rahmen bestimmter Sanierungsszenarien oder die Inanspruchnahme einer professionellen Energieberatung bei bestimmten Bau- und Sanierungsmaßnahmen könnten vorgeschrieben werden. Und solange die Terminologie von „Energiesparen“, „Sanierung“ und eine techniklastige Fachsprache die Kundenkommunikation dominieren, dürfte die Bereitschaft der Hausbesitzer, den „schlafenden Riesen“ als Freund anzusehen, nicht zunehmen


Noch in diesem Leben! Woher nehmen wir immer wieder die Motivation?

Oktober 2016

Der folgende Beitrag gibt das Abschlussstatement von Richard Häusler zur Jahrestagung "Netzwerk 21 Kongress" am 28.10.2016 in Dortmund in gekürzter Form wieder

 

„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ In welchem Kontext mag dieser Satz, den man auf S. 110 der SPIEGEL-Ausgabe 39/2016 lesen kann, gestanden haben? Für das Publikum eines Nachhaltigkeitskongresses ist es klar: Es geht um unsere Chancen, den Klimawandel zu stoppen und das Erdzeitalter des Anthropozän zum Zeitalter der Nachhaltigkeit und der Rettung der Erde zu machen. Tatsächlich stammt er von einem der bekanntesten Vertreter der Anthropozän-Deklaration in Deutschland, dem Geologen Reinhold Leinfelder.

 

„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“ Auf verblüffende Weise gilt dieser Satz und galt er seit Menschengedenken für jeden von uns. Angesichts des Todes, auf den wir alle irgendwie und irgendwann, aber definitiv zugehen, ist dies die zentrale Wahrheit unseres Lebens: „Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“

Dieser Satz ist das prägende Muster unseres individuellen Daseins. Er unterscheidet uns vom Rest der Natur, die uns umgibt, die uns hervorgebracht hat und die vor unserem zerstörerischen Zugriff zu retten wir uns anschicken. Wir wissen, dass wir existieren – und dass diese Existenz ein Ende haben wird. Und das macht uns Angst. Auch Tiere haben Angst, wenn sie die Gefahr spüren, und sich retten wollen. Aber nur Menschen können, dank ihres cerebralen Systems, also der Möglichkeiten ihres hochentwickelten Großhirns, diese Angst vor dem Tod auch dann empfinden, wenn gar keine tödliche Gefahr in der Nähe ist. Die unausweichliche Tatsache, sterblich zu sein, ist immer in unserer Nähe – und sie versetzt uns, wie der New Yorker Professor für Sozialpsychologie Sheldon Solomon formuliert, in „einen dauerhaften Zustand existenzieller Angst“.

 

Wie gehen wir damit um? Lassen wir Solomon selbst zu Wort kommen: "Menschen sind darauf aus", sagt er im Interview des Dokumentarfilms "Gier - ein verhängnisvolles Verlangen", "viel Zeugs zu haben. Denn psychologisch betrachtet gibt es ihnen das Gefühl, ewig zu leben."

 

Wer von uns könnte sagen: „Ich will nicht mehr mehr?“  Okay, auf einem Nachhaltigkeitskongress werden sich jetzt einige melden. Schon ein paar Tage vor dem Netzwerk 21Kongress 2016 in Dortmund wurde kommuniziert, dass besonderes Interesse an der Diskussion um Suffizienz-Ansätze auf kommunaler Ebene bestand. Die Psychologie hat auch darauf eine Antwort. „Wird die äußere Realität als unsicher wahrgenommen“, schreibt der Ökonom und Psychiater Stefan Brunnhuber in seinem Buch „Die Kunst der Transformation“, „ist das Bestreben nach Stabilität und Verlustvermeidung starker als das nach Veränderung, Innovation und Neugierverhalten. Der menschliche Geist ist konservativ organisiert.“ Menschen mit einem starken Balance-, also Sicherheitsmotiv haben mehr Angst vor Verlusten als vor verpassten Gewinnen.

 

Die meisten von uns haben aber noch ein anderes Problem: Das innere Bild, was wir von der Wirklichkeit haben und die reale Welt fallen immer weiter auseinander. Wir leben im Wohlstand und kümmern uns um unseren Seelenfrieden als Konsumenten, aber draußen geht es weiter mit dem Klimawandel, der Terrorgefahr, der Ausbeutung, Kinderarbeit, Bürgerkrieg und dem Völker- und Massenmord. Dieses Problem nennen Psychologen „kognitive Dissonanz“. Wir leben mit unvereinbaren Kognitionen. Wie lösen wir dieses Problem?

 

Es gibt grundsätzlich drei Optionen (nach Wikipedia):

  1. Das zugrundeliegende Problem wird gelöst. Nun, wir wissen alle genau, dass in der Zeitspanne des vor uns liegenden Lebens die Probleme des Klimawandels, des Raubbaus an den Ressourcen und der ständigen Menschenrechtsverletzungen nicht gelöst werden. Diese Option scheidet also aus.
  2. Die Wünsche, Absichten oder Einstellungen werden aufgegeben oder auf ein erreichbares und somit konfliktärmeres Maß gebracht. Sprichwörtlich ist die Fabel vom Fuchs und den angeblich zu sauren Trauben – oder das Sprichwort vom „Spatz in der Hand“. Also übersetzt: „Den Klimawandel kann ich eh nicht aufhalten, und wer weiß, wie die nächsten Generationen leben wollen? Aber was ich tun kann, tue ich. Ich bin Vegetarier und kaufe meistens bio.“ Das ist der LOHAS-Ausweg.
  3. Die physiologische Erregung wird gedämpft, z. B. durch Sport, durch ausgleichende Aktivitäten, durch Ruhe, Vermeidung von vermeidbarem Stress, durch Meditation, aber auch durch Alkoholkonsum, Beruhigungsmittel, Tabak oder andere Drogen. Eine gute Möglichkeit ist auch Naturkontakt, Bergsteigen, Gartenarbeit. Das relativiert das Selbst und erhöht die Demut.

Was ebenfalls als Möglichkeit zur Reduzierung der  kognitiven Dissonanz dienen kann, ist ein Befund, den wir in einer jüngsten Umfrage unter knapp 300 eher nachhaltigkeitsaffinen Menschen aus unserer Adressdatenbank erhoben haben. Wir wollten dabei den Stand der moralisch-ethischen Entwicklung in Deutschland erfragen und stellten fest: Das nahe Umfeld wird als ethischer als das weiter entfernte wahrgenommen. Die Umfrage stützte sich auf Lawrence Kohlbergs Modell der ethischen Evolution. 

Während bezogen auf Deutschland allgemein nur 10 % der Bevölkerung unterstellt wird, die Verantwortung gegenüber dem System oder gegenüber universellen Werten als moralisch handlungsleitend zu betrachten, sind es im eigenen beruflichen Umfeld 46 %! Das heißt, man selbst lebt in einem ethisch viel höherstehenden Mikrokosmos als die umgebende Gesellschaft. Auch bei der Frage nach den Lebensbereichen mit dem jeweils ethisch fortgeschrittensten oder rückständigsten Niveau bildet sich diese Differenz ab. Die bei weitem moralischste Einrichtung ist die Familie, der moralisch am tiefsten stehende Sektor die Politik.

 

Diese Umfrage ist natürlich nicht repräsentativ und sie überschätzt das allgemeine moralische Niveau wahrscheinlich. Es sind nicht 10 % der Bevölkerung, die sich auf einem hohen Moralniveau befinden, das wir eigentlich auch mit Nachhaltigkeit verbinden, sondern allenfalls halb so viel. Stefan Brunnhuber sagt: „Nachhaltigkeit als Fairness hat aus psychologischer Sicht eine evolutionäre Struktur und ist das Ergebnis einer sich entwickelnden, expansiven Introspektionsfähigkeit jedes Einzelnen… Empirisch haben ca. drei bis fünf Prozent der Bevölkerung einen globalen Bewusstseinsschwerpunkt, mehr leider nicht.

 

Aber zurück zu der Frage, warum wir das ethische Niveau in unserem eigenen Umfeld höher einschätzen als in der Gesamtgesellschaft, in der wir leben. Oder warum die Teilnehmer von Nachhaltigkeitskongressen sich vermutlich als deutlich moralischer einschätzen als die Welt „da draußen“.

 

Folgen wir Sheldon Solomon, dann ist auch dies ein Versuch der Bewältigung unserer Todesangst: nämlich das Bestreben, „die Überlegenheit der Gruppe, der wir selbst angehören, über andere Gruppen sicherzustellen“. Solomon schreibt: „Das kulturelle Weltbild, das wir mit anderen teilen – die Glaubenssysteme, die wir schaffen, um uns das Wesen der Wirklichkeit zu erklären –, geben uns ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, begründen den Ursprung des Universums, geben uns Orientierung für ein rechtschaffenes Verhalten auf Erden und verheißen Unsterblichkeit.“ Wir brauchen unbedingt „das Gefühl, dass wir Teil von etwas sind, das größer ist als wir selbst und noch lange nach unserem Tod fortdauern wird. Das ist der Grund dafür, dass wir bestrebt sind, Teil von sinnspendenden Gruppen zu sein und dauerhaften Einfluss auf die Welt zu haben…“ Könnte man also nicht auf die Idee kommen, die Vorstellung von „Nachhaltigkeit“ sei im Grunde nichts anderes, als eine moderne Weltanschauung, hinter der sich die Sinnsuche todgeweihter und verängstigter Menschen des 21. Jahrhunderts verbirgt?

 

Wenn wir die Triebkraft von „Nachhaltigkeit“ so verstehen, können wir wahrscheinlich mehr für den Fortschritt auf unserem Planeten tun als durch die zum x-ten Mal wiederholte Diskussion wissenschaftlicher Fakten oder rationaler Berechnungen. Fakten verändern Verhalten nicht. Das hat jüngst wieder ein Experiment der Harvard University und des University-College London gezeigt. Wer den Klimawandel für unbedeutsam hält, lässt sich durch gegenteilige Wissenschaftsberichte nicht beirren, durch Berichte, die seine Meinung unterstützen, aber umso mehr bestärken. Und dasselbe gilt für Menschen, die den Klimawandel ernstnehmen – nur umgekehrt. Wir leben in Glaubensgemeinschaften und rezipieren das, was diese Gemeinschaft jeweils bestätigt.

 

Jede Fernseh-Talkshow zu den Reizthemen unserer Tage zeigt uns, wie wenig wir in der Lage sind, Komplexität emotional auszuhalten und Ambivalenzen zu ertragen. Zu erkennen, dass es die Bedrohung durch den Klimawandel gibt – und genauso nicht gibt, weil – wie Brunnhuber betont – die Natur keine Moral und keine Katastrophen kennt. Dass der Einzelne sich nachhaltiger verhalten kann – und die Gesellschaft weniger nachhaltig wird. Dass wir eine Energiewende beschließen und dennoch mehr Kohlestrom produzieren müssen.

 

Vielleicht sollten wir uns weniger auf Nachhaltigkeitskongressen herumtreiben, wo wir nur unseresgleichen finden? Wir kämen damit in eine Situation des, wie Stefan Brunnhuber es nennt, „performativen Selbstwiderspruchs“. Brunnhuber charakterisiert damit den Übergang vom konventionellen in das postkonventionelle Denken. Wie schwer es ist, diesen Übergang wirklich zu schaffen, beweist Brunnhuber selbst im Schlusskapitel seines Buches, wenn er erstaunlicherweise schreibt: „Wir sind wohl die erste Generation, die all diese Probleme vor sich sieht – und wahrscheinlich zugleich die letzte, die die Welt grundlegend ändern kann.“ Eine großartigere Form der Todesangstbewältigung gibt es wohl kaum als die Selbststilisierung zur ultimativen Generation dieses Planeten!

 

„Viel Zeit haben wir nicht mehr, aber ein wenig schon noch.“  Das ist es, was uns antreibt.


Ist Provokation das neue Change Management?

August 2016

Wer sich interessant machen will, müsse provozieren. Dieses Salvador Dali zugeschriebene Diktum liegt auch unserem landläufigen Verständnis von „Provokation“ zugrunde. Die meisten von uns glauben deshalb, dass Frechheit, Lautstärke und Tabubruch die wesentlichen Merkmale von Provokationen sind. In diesem Sinne sind Donald Trump oder Jan Böhmermann provozierend.

 

Profis der Organisationsentwicklung und des systemischen Veränderungsmanagements verstehen unter „Provozieren“ etwas anderes. Wenn sie Provokationen einsetzen, dann nicht, um sich selbst in Szene zu setzen.

 

Die provozierende Methode in der Organisationsberatung geht auf Frank Farelly zurück. Der US-amerikanische Sozialarbeiter und Psychotherapeut entwickelte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts seine Methode der „Provokativen Therapie“, in Deutschland wurde sie von Eleonore Höfner in den achtziger Jahren bekannt gemacht. In einem SPIEGEL-Interview 1999 charakterisierte die Münchner Psychotherapeutin das Wesentliche der Methode so: „Die meisten meiner Kollegen sagen ihren Klienten: ‚Sie schaffen es, Sie finden aus Ihrem Unglück heraus.‘ Ich aber sage: ‚Sie schaffen es eh nicht, Sie sind zu alt, zu dick, zu blond, zu blöd - vergessen Sie es.‘ Wenn ich so etwas wage, fangen die Leute meistens an zu protestieren, mich zu widerlegen, weil sie eben doch noch an sich glauben. Und so beginnt eine Veränderung.“

Was bei Individuen funktioniert, funktioniert auch in Gruppen und in der Organisationsberatung. Auch Organisationen verändern sich nur, wenn die in ihnen steckenden Kräfte der Selbstorganisation und Kooperation zur Entfaltung kommen. Für gewöhnlich erzeugen Organisationen in erster Linie „Ordnung“ und basieren auf Verlässlichkeit, Kontinuität und Sicherheit. Diese innere Ordnung wird umstellt und abgesichert durch Tabus, Schönfärberei, Jasagertum. Zu ihrer eigenen Entwicklung und zur Anpassung an eine sich verändernde Welt benötigen sie deshalb Provokationen, die Denkblockaden durchbrechen und das Klima von Anpassung und Gleichgültigkeit verändern. Diese Provokationen im System, die Bewegung und Veränderung bewirken, werden von Menschen getragen, die - als Interne oder Externe - die Fähigkeit haben, Veränderung zu provozieren und Veränderungsprozesse zu moderieren - was etwas anderes ist als zu „managen“ und zu „machen“. Diese neuen Veränderer agieren nach paradoxen Maßstäben:

  • Wozu immer Probleme lösen wollen? Lasst uns das Problem lieben und weiterentwickeln!
  • Wieso im Mitarbeitergespräch immer erst mit einem Lob beginnen? Das glaubt sowieso keiner.
  • Wieso die Leute da abholen wollen, wo sie stehen, wenn sie gar kein Ziel sehen, wo es hingehen soll?
  • Nicht brav zuhören, sondern unterbrechen, wo es spannend wird.
  • Anstatt abzuwarten, was dein Gesprächspartner selbst von sich preisgibt, lieber öfter mal auf den Busch klopfen und spekulieren, um mehr zu erfahren.

Ein Beispiel aus unseren Provokationstrainings: In einer Schule mit verschiedenen ethnischen Gruppen kam es zu Tätlichkeiten zwischen Jugendlichen. Jemand wurde in den Teich gestoßen. Eine kleine Schulversammlung mit Schulleiter, Elternbeirat, Lehrkräften und Hausmeister macht sich Gedanken. Ein externer Moderator wird hinzugebeten. Er hat solange keinen Erfolg, solange er einen Konsens über die Ursachen der Geschehnisse sucht und dann auf Lösungen hinstrebt. Jeder Teilnehmer beharrt auf seiner Weltsicht. Das ändert sich erst, als der Moderator die Diskussion um die „Bandenbildung“ an der Schule aufgreift und vorschlägt, die Schule vielleicht nicht nach Schulklassen, sondern Bandenzugehörigkeit zu organisieren. Die Lehrer hätten dann als „Bandenchefs“ keine internen Konflikte mehr in ihrer Klasse und es könnte einen leistungsfördernden Wettbewerb zwischen den Klassen resp. Banden geben. Jetzt beginnen alle, nachdem sie dem Moderator innerlich den Vogel gezeigt haben, das Problem als gemeinsame Aufgabe zu sehen. Und fangen an, sich für die Bedürfnisse der Jugendlichen ebenso zu interessieren wie für die Unterstützung der Lehrer…

 

Die nächste Methodeninnovation in der Organisationsberatung könnte sich die Prinzipien der Provokation zu Eigen machen.


Energieeffizienz entdeckt den Menschen

Juni 2016

Deutschland hat hehre klimapolitische Ziele und legt entsprechende Aktionsprogramme auf. Auch die privaten Hausbesitzer sollen ihren Anteil an einer klimaneutralen Zukunft erbringen, meint man im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Die Eigenheimer will man davon überzeugen, Baumaßnahmen immer auch unter dem Aspekt der Energieeffizienz zu sehen und einen langfristigen „individuellen Sanierungsfahrplan“ zu erstellen, natürlich mit Hilfe von Energieberatern. Schließlich sollen im Lauf der nächsten 35 Jahre 80 % des nicht erneuerbaren Primärenergieeinsatzes für Gebäude eingespart werden. Bis Ende 2016 soll die Methodik anwendungsreif sein. Baden-Württemberg ist

Vorreiter in dem Projekt, das Bundesland bietet Beratern und Gebäudebesitzern bereits

detailliert ausgearbeitete Formulare an.

 

Auf einem „Energieforum“ in Magdeburg hat die Landesenergieagentur Sachsen-Anhalt (LENA) jüngst die Akzeptanz des neuen Konzepts bei Beratern und Hausbesitzern diskutiert. Dabei wurde ein Paradigmenwechsel deutlich: Die Effizienzberatung wird künftig nicht mehr das Gebäude, sondern den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Denn das scheint man inzwischen gelernt zu haben: Nicht energieeffiziente Technik und Bauplanung sind der Engpass, sondern die Bereitschaft der Menschen, sie zu nutzen.

 

Susann Bollmann, Managerin Finanzierung von Energieeffizienz bei der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF), referierte in Magdeburg die Ergebnisse einer qualitativen Studie mit 24 Besitzern von Ein- und Zweifamilienhäusern, die erstmals Einblicke in die Psyche der Hauseigentümer unter dem Aspekt „Energieeffizienz“ gewonnen hat. Die Ergebnisse überraschen uns nicht, sprechen aber eine deutliche Sprache: 

  • Hausbesitzer vertrauen nicht den Experten, sondern wollen die Dinge selbst verstehen; sie sind grundsätzlich skeptisch, „übers Ohr gehauen zu werden“; am ehesten vertrauen sie noch staatlichen Institutionen
  • Rat und Hilfe wird nur bei vertrauen Personen gesucht, in der Nachbarschaft, im Freundeskreis, durch persönliche Empfehlung; auch hier geht es erst einmal ausschließlich um Vertrauen
  • Eine „gefühlte Wirtschaftlichkeit“ steht hinter allen baulichen Entscheidungen, Umwelt- oder Klimaschutz ist dagegen überhaupt kein Motivationsfaktor, allenfalls ein schöner Nebeneffekt.

 Was folgt daraus für die Erfolgsaussichten des BMWi-Ansatzes? 

  1. Die Energieberater brauchen kommunikationspsychologische Schulung, und zwar intensiv und flächendeckend; die Erarbeitung von Formularen und Ablaufschemata reicht nicht aus.
  2. Landesenergieagenturen kommt die Aufgabe zu, das Thema und die qualifizierten Berater „in die Nachbarschaft“ zu holen, sprich: mit Kampagnen das soziale Umfeld der Hausbesitzer zu erreichen.
  3. Nennt es bitte nicht „Sanierungsfahrplan“, denn „Sanierung“ klingt nach Not, Missstand und Sachzwang; nennt den Fahrplan zu mehr Energieeffizienz auch nicht „gebäudeindividuell“, wie es die Baden-Württemberger tun, sondern einfach „individuell“, denn wir wollen doch Menschen ansprechen.

„In die Nachbarschaft“ holt man Energieeffizienz wohl auch kaum mit der bundesweiten Kampagne, die das BMWi derzeit fährt. Unter dem Motto „Deutschland macht’s effizient“ werden gleich zwei kommunikative Kapitalfehler begangen: Es geht den Hauseigentümern mit Sicherheit nicht um Deutschland, Nationalstolz dürfte das letzte sein, was sie motiviert, den Heizkessel zu erneuern. Und was die ironischen Bildmotive betrifft, so ist zu bezweifeln, dass sich die Zielgruppe von ihnen angesprochen fühlt. Was kreative in der Werbeagentur lustig finden und Ministerialbeamte vielleicht als mutig ansehen, entspricht wohl kaum der gemeinen Hausbesitzer-Seele. Man muss die Leute schon ernstnehmen, die man gewinnen will.


Work Life Balance - nein, danke

Mai 2016

Sprache kann das Denken behindern. Oder konkreter: Bestimmte Begriffe, die alle verwenden und einen grundsätzlichen positiven Klang haben, können sich als hinderlich erweisen, weil sie Lösungen für Probleme suggerieren. Und verschleiern, dass die Probleme weiterbestehen und die Lösungen vielleicht ganz woanders liegen. „Nachhaltigkeit“ ist oft so ein Hindernis für das Weiterdenken. Aber darum geht es heute nicht. Dieses Mal sprechen wir über „Work Life Balance“.

 

Als Felicitas Richter kürzlich bei uns als Referentin zu Gast war, ging es um dieses Lösungswort aus der modernen Arbeitswelt. Die Referentin, selbst mehrfache Mutter und durch ihr berufliches Engagement zusätzlich gefordert, stellte sich vor ihr Publikum und streckte einen Arm seitwärts von sich. „Das ist die Last der Berufstätigkeit, die schwer auf uns liegt…“ – und der Arm ging langsam nach unten. „Aber jetzt machen wir Work Life Balance“ – und streckte den anderen Arm von sich. Auf diesem Arm packte sie dann die üblichen Ratschläge: Sportlicher Ausgleich, Yoga, die „Verabredung mit sich selbst“ und was dergleichen Empfehlungen für alle die sind, die sich beruflich zu stark eingebunden fühlen. Aber hebt die Belastung des „Life“-Armes wirklich den „Work“-Arm und führt zu mehr Balance? Oder kommen dadurch nicht noch mehr Zeitstress, Planungsbedarf und latente Konflikte ins Leben? Gaukelt uns Work Life Balance vor, dass man alles unter einen Hut bekommt – um den Preis eines steigenden Leidensdrucks?

Die Lösung könnte ein neuer Begriff sein: Work Life Blending. Meint so viel wie Leben und Arbeiten, Privates und Berufliches zu vermischen und das eine im anderen zu tun. Bei jungen Kreativen aus der Startup-Szene mag das funktionieren. Mütter mit Kindern und Beruf hilft das nicht, beobachtet Felicitas Richter. Das parallele Erledigen der verschiedensten Dinge – die Waschmaschine füllen, die Mails checken, sich um die Hausaufgaben der Kinder kümmern und mit der Nachbarin plaudern – erzeugt Stress, der durch die dem weiblichen Geschlecht angedichtete besondere Fähigkeit zum Multitasking nicht reduziert wird. Richter: „Multitasking ist der beschönigende Ausdruck für ein Durcheinanderwuseln Ihrer Sinne, Ihrer Aufmerksamkeit und Ihres Tuns.“ Aber weder Frauen noch Männer seien für dauerhaftes Multitasking geschaffen, es führt zu Erschöpfung, wie auch die Neurowissenschaft belegt.


Also was tun? Felicitas Richter hilft betroffenen Frauen, sich zu entscheiden und sich von der Idee, man könne alles unter einen Hut bringen, zu befreien. Ihre Lebensberatung vermittelt unter dem Titel „simple present“ eine Art von Achtsamkeitstraining. In dieselbe Kerbe schlug Claudia Becker in einem Beitrag der „Welt“ zum diesjährigen Muttertag. Das eigentliche Problem der Mütter sei „nicht das ständige Hin-und-her-Gerase zwischen Kita, Sportplatz, Musikschule und Büro, sondern das Rumgeeiere zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Schuld und Scham. Was Müttern fehlt, ist der Mut, so zu sein, wie sie es für richtig halten – und nicht, wie andere es von ihnen erwarten.“


Das ist freilich eine sehr individuelle Entscheidung, jede Frau und Mutter oder auch jeder familiär eingespannte Mann oder Vater wird das für sich ganz persönlich definieren. Deshalb sind Work Life Balance-Programme in Unternehmen kein ausreichender Ansatz. Personalverantwortliche Teilnehmerinnen der Veranstaltung mit Felicitas Richter berichteten aus ihrem Unternehmen: „Seit einem Jahr haben wir Work Life Balance als oberste Maßgabe, haben flexible Arbeitszeiten und Home Office eingeführt. Aber wir spüren keinerlei Verbesserung im Arbeitsklima und bei den Problemen unserer Mitarbeiter.“ Felicitas Richter plädiert deshalb für einen Beratungs-und Coaching-Ansatz, der die Autonomie des Einzelnen stärkt.


Ein Programm, das im Übrigen auch den Kindern in den Familien zugutekommen würde. Denn wie Soziologen beobachten, schränken Eltern, die alles richtig machen wollen, die Autonomie ihrer Kinder übermäßig ein. Christine Henry-Huthmacher spricht von der „Paradoxie des autonomen Kindes“: „Auf der einen Seite will man das selbstständige Kind, das seine Bedürfnisse und Interessen selbst artikulieren kann…, auf der anderen Seite entpflichtet man es von allen Aufgaben.“ Solche Kinder seien „inzwischen regelrecht angewiesen auf Lob und Feedback“ – und erhöhen den Druck auf die Eltern, nur ja alles richtig zu machen. So gesehen wäre Work Life Balance mit seinem immanenten Perfektionsanspruch keine Lösung, sondern ein Beitrag zur Neurotisierung des Systems Familie.


Quo vadis Veganismus?

April 2016

Der Moderator Michel Friedman ist selbst bekennender Fleischesser und er machte es Sebastian Joy, dem Geschäftsführer des Vegetarierbund Deutschland e.V. (VEBU), nicht leicht. In dem Feature, das unter dem Titel „Blutwurst oder Tofu - Der Glaubenskrieg ums Fleisch – Friedman schaut hin“ am 1. April 2016 vom Sender N24 ausgestrahlt wurde, dürfen wir dabei sein, wenn in der Neuköllner Blutwurstmanufaktur 700 Blutwürste händisch hergestellt werden, und wir erfahren, dass Blutwürste das älteste und eines der gesündesten Fleischprodukte sind. Und überdies entspricht die Herstellung und damit der Konsum von Blutwurst der ehrenwerten Devise, das ganze Tier zu verwerten anstatt nur Filets und Schinken.

 

Sebastian Joy ist ein intelligenter und belesener Kopf, er bereitet sich auf Medienauftritte gut vor, aber er tut sich sichtlich schwer mit Michel Friedman. Wieso das? Hat die vegane Bewegung in der Konfrontation mit der Fleischwelt schlechte Karten?

 

Die Auseinandersetzung mit Friedman zeigt uns die wunden Punkte der veganen Argumentation, die zwischen Rationalität und Emotionalität, zwischen Aufklärung und Heilslehre navigieren muss. Schauen wir in die Interviews mit Sebastian Joy.

 

Friedman fragt, warum Joy Vegetarier geworden ist. Antwort: „Ich hab mich einfach mit der Massentierhaltung auseinandergesetzt und mit den Folgen, die unser Fleischkonsum auf den Planeten hat, und hab dann beschlossen, dass ich es einfach mal versuchen möchte, vegetarisch zu leben. Und das war dann einfacher, als ich dachte, und deswegen bin ich dabei geblieben.“ Friedman hakt nach: „Aber hier geht es ja nicht um Massentierhaltung…“. Die Antwort: „Man soll sich als Verbraucher nichts vormachen, auch bei Biohaltung werden die Tiere nicht totgestreichelt, sondern nach dem Bruchteil ihrer natürlichen Lebenserwartung gegen ihren Willen gewaltsam umgebracht. Die meisten Menschen würden auch mit ihrem Hund oder ihrer Katze nicht so umgehen. Auch wenn der Hund ein schönes Leben hatte, würde man ihn nicht nach zwei Jahren zum Schlachter bringen.“ 

Das zeigt sehr eindrucksvoll eine Schwäche der veganen Argumentation. Denn wenn die heutige Massentierhaltung negative Auswirkungen hat – und die hat sie (Treibhausgasemissionen, Antibiotika-Missbrauch etc.) – dann müsste man sich überlegen, wie man diese Auswirkungen beseitigt. Das kann durchaus auch durch vegane Ernährungsalternativen geschehen, aber auch die Fleischproduktion nach Bio-Standards und eine handwerkliche Metzgerei wären ein Ausweg, der zwar Fleisch als Nahrungsmittel verteuern würde, aber damit einen auch gesundheitlich bedenklichen übermäßigen Fleischkonsum verringern könnte. Das wäre ein wirtschafts-, sozial- und gesundheitspolitisches Programm und würde die vegane Bewegung in eine politische Richtung führen. Joy aber vermeidet diese rationale Argumentation und appelliert an das Mitgefühl mit der Kreatur.

 

Die Empathie mit „empfindsamen“ Lebewesen, denen wir uns verbunden fühlen, weil sie ein zentrales Nervensystem aufweisen, Sozialverhalten zeigen und Schmerz verspüren, ist sicher ein starkes Motiv von Veganern. Vielleicht sind wir ja evolutionär auf einem Weg, der unsere Gehirne mit mehr Empathiefähigkeit ausstattet, um eine immer globalere Lebenswelt sozial organisieren zu können. Tatsächlich sind wir heute immer stärker darauf angewiesen, uns auch mit Menschen verbunden zu fühlen, die aus fremden und unserem Alltag sehr fernen kulturellen Lebenswelten kommen. Die sogenannte Flüchtlingskrise zeigt uns das eben mit großer Deutlichkeit. Auch so hätte Joy argumentieren und sich als Visionär präsentieren können, hinter dessen Anliegen sogar die Evolution der Menschheit steht. Hat er aber nicht. Stattdessen vergleicht er später im Interview die Tradition des Fleischessens mit Krieg und Vergewaltigung und präsentiert uns am Ende auch noch die These, Vegetarier seien intelligenter:

 

Friedman: „Ich würde nie zu jemandem, der Fleisch isst, sagen, du hast ein Bildungsproblem.“ Joy: „Soweit würde ich auch nicht gehen, aber die Korrelationen sind eindeutig. Je intelligenter ein Kind ist, mit desto höherer Wahrscheinlichkeit entscheidet es sich später vegetarisch oder vegan zu leben. Das zeigt eine Langzeitstudie, die man in Großbritannien durchgeführt hat, mit mehreren Tausend Menschen.“

 

Abgesehen davon, dass sich dieser Zusammenhang rein soziologisch erklären lässt, weil die besser gebildeten Schichten sich mehr mit dem Zusammenhang von Gesundheit, Ernährung und Nachhaltigkeit beschäftigen (können), ist es fast ein bisschen erschreckend, wie elitär die Joysche Behauptung daherkommt. Vegetarische und vegane Ernährung sind aber weder per se gesünder noch machen sie klüger noch sind sie ein Rezept für die Rettung der Welt.

 

Solange der Veganismus selbst so wenig kritisch und aufgeklärt mit sich selbst umgeht, wird er etwas zwischen Lifestyle-Trend und Heilslehre bleiben. Erst wenn die Produzenten darauf verzichten, vegane Produkte als Imitate von „natürlichen“ und fleischähnlichen Nahrungsmitteln zu inszenieren und stattdessen dazu stehen, dass vegane Ernährung eine Entwicklung der Lebensmitteltechnologie ist, die Massen gesünder und umweltfreundlicher ernähren will, wird ein Fortschrittsbeitrag daraus. Wir bräuchten weniger Dogmatismus und mehr von der Haltung der in dem Friedman-Feature interviewten Köchin in einem veganen Berliner Restaurant. Für sie sei es ein spannendes Experimentierfeld und eine „Mega-Hammer“-Herausforderung, zum Beispiel das benötigte Nahrungseiweiß statt aus Fleisch nur aus Gemüse zu holen, erzählte sie. Aber natürlich esse sie auch mal eine richtige Wurst.


Der Kontenrahmen der Nachhaltigkeit – Christian Hiß will der Wirtschaft „richtig rechnen“ beibringen

März 2016

Vom gelernten Gärtnermeister zum Master of Social Banking and Social Finance – das ist der Weg von Christian Hiß. Hiß verkörpert die konkrete Utopie einer Wirtschaft, die den Kapitalismus von seiner derzeitigen „Rumpfform“ zu einer entwickelten und nachhaltigen Form führen soll. Gewinne werden auch in einer nachhaltigen Wirtschaft gemacht, so betonte er bei der Berliner Buchpräsentation von „Richtig rechnen“. Aber diese Gewinne kommen erst zustande, wenn durch unser Wirtschaften Natur per Saldo nicht verbraucht, sondern erhalten wird, und auch das Sozialkapital z.B. durch Investitionen in Ausbildung und Qualifizierung gestiegen ist.

Aus der Sicht eines landwirtschaftlichen Betriebs konkretisiert Hiß seine Ideen: Was tut ein Betrieb für die Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit? Bislang werden Aufwendungen dafür nur als Kosten verbucht. Investitionen in die Qualität von Produkten oder in die Mitarbeiterqualifikation müssten jedoch auch ertragsseitig verbucht werden können, forderte Hiß. Atemberaubend ist es, wenn Hiß feststellt: Nur Landwirtschaft sei letztlich produktive Wirtschaft. Denn nur sie könne aus Sonnenenergie energiereiche pflanzliche Substanz hervorbringen und eben den „energetischen Überschuss“ produzieren, auf dem alle danach folgenden wirtschaftlichen Tätigkeiten aufbauen. Eine solche Gesamtbilanz müsse künftig die Grundlage der Wirtschaft auf unserem Planeten sein.

Natürlich gestand Hiß zu, dass der allergrößte Teil der heutigen landwirtschaftlichen Praxis keinesfalls eine positive, sondern durch den Einsatz fossiler Energien eine ruinöse Bilanz aufweise. Eigentlich müsste seine Branche aus dem Einsatz einer Kalorie zwei machen, tatsächlich verbraucht sie aber derzeit weit mehr als sie erzeugt. Wer allerdings zu dem Schluss käme, Hiß sei nur ein weiterer Apologet einer kleinbäuerlichen Bio-Landwirtschaft, den belehrt er eines Besseren. Schon als Kind habe er darunter gelitten, dass seine Eltern 1951 zu den allerersten Pionieren der Bio-Landwirtschaft zählten. „Ich will keine romantisierenden Ideen von Regionalität verbreiten“, warnte Hiß. Was ihm als geschäftsführendem Vorstand der Bürgeraktiengesellschaft Regionalwert AG vorschwebe, sei eine Skalierung des sozioökonomischen Modells der bäuerlichen Versorgungsgemeinschaft in zivilgesellschaftliche Dimensionen. Hiß kann sich vorstellen, die Massenproduktion und nachhaltiges Wirtschaften unter einen Hut zu bringen. Falls wir lernen, „richtig zu rechnen“, d.h. auch alle nicht-monetären Produktionsfaktoren in der kapitalistischen Finanzbuchhaltung unterzubringen.

 

Zur Überprüfung der Frage, ob sein aus der Landwirtschaft hervorgegangenes Konzept auch auf andere wirtschaftliche Sektoren übertragbar sei und welcher staatlichen Regulierungen es dazu bedürfe, hatte die veranstaltende Agentur (die Berliner stratum Gmbh) zwei Experten dazu gebeten: Katharina Reuter als Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbandes UnternehmensGrün und den Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Günther Bachmann. Bachmann lobte Hiß zunächst dafür, „große Gedanken in einfachen Worten“ auszudrücken. Grundsätzlich glaube auch er, dass man dem kapitalistischen System Regeln auferlegen könne, um externe Kosten zu internalisieren, so Bachmann, aber der große Wurf, den Hiß fordere, sei schwer umzusetzen. Politisch sei die Herausforderung nämlich „noch nicht ganz fassbar“ und durch Regulierungen allein löse man das Problem nicht, so Bachmann. Vielmehr brauche es in der Zivilgesellschaft Vereinbarungen über die Inwertsetzung von Umwelt – „das kommt nicht aus der Politik“. Katharina Reuter beobachtet bei den Unternehmen ihres Verbandes eine hohe Bereitschaft, nicht nur auf den finanziellen Gewinn zu achten. Sie verwies darauf, dass viele der Kriterien, die z.B. die Gemeinwohlbilanz abdecke, ohne weiteres auch in konservativen Wirtschaftskreisen akzeptiert würden. Bachmann verwies darauf, dass aus seiner Sicht die Gemeinwohlbilanz jedoch kein regulatorischer Ansatz sein könne.

 

Der praktische Nachweis für Hiß' Forderung nach einer nachhaltig reformierten Finanzbuchhaltung steht auf jeden Fall noch aus. Bei der Regionalwert AG, berichtete Hiß, habe man gerade mit dem allerersten Schritt begonnen, der darin besteht, in drei ausgewählten Betrieben die Aufwände zu differenzieren. Unter Kontenklasse 4 steht dann hier beispielsweise nicht mehr pauschal „4300 Aufwendungen für Energie“, sondern „4301 Aufwendungen für Energie aus nicht erneuerbaren Energiequellen“ und „4302 Aufwendungen für Energie aus erneuerbaren Quellen“.

 

Fürwahr ein kleiner erster Schritt. Aber mit einem großen Ziel. „Ich stelle mir vor, dass in 10 Jahren alle Steuerberater in Deutschland ‚nach Hiß kontieren‘“, verkündete der Autor des Abends zum Schluss. Das Publikum glaubte ihm. Er ist ein echter Visionär, dieser Christian Hiß aus Eichstetten am Kaiserstuhl.


Agiles Projektmanagement erfordert agile Menschen!

Februar 2016

Agil muss das Projektmanagement heute sein. Man möchte oder glaubt zu benötigen: schnellere Entwicklungszyklen, größere Nähe zu Kunden und Auftraggebern schon im Projekt, mehr Selbstorganisation im Projektteam und vor allem – kreativere Ergebnisse. Das  hat natürlich vieles für sich, denn in vielen Bereichen – nicht nur der Privatwirtschaft, sondern auch im öffentlichen Sektor – stoßen wir immer öfter an die Grenzen des klassischen Projektmanagements. Im Vorhinein genau festzulegen, wie die Projektschritte bis zum Ende aussehen werden, und das Einhalten dieses Plans zum wesentlichen Kriterium für den Erfolg zu machen, verhindert, dass Projekte in volatilen Umgebungen die Chancen kreativ nutzen und wirklich etwas Neues hervorbringen.
Und darum geht es doch bei Projekten, um das Neue. Sonst bräuchte man kein Projekt, sondern es reicht ein qualitätsgesteuertes Alltagsgeschäft.

Wie aber wird unser Projektmanagement agil? Die klassische Antwort ist: Wir schicken unsere Mitarbeiter in Methodenschulungen und da lernen sie die richtigen „Tools“, um sie dann künftig gefälligst anzuwenden. Kanban, Scrum, Design Thinking & Co. – das sind die Schlüsselmethoden der neuen Zeit.

Es könnte allerdings sein, dass der ausschließliche Glaube an die richtigen Methoden ein Relikt des alten Denkens ist, das wir mit dem neuen Projektmanagement-Paradigma eigentlich überwinden wollten. Denn agiles Projektmanagement verlangt aus sich heraus sehr viel mehr spezifische Verhaltenskompetenzen als sein klassischer Bruder. Es ist anspruchsvoll hinsichtlich einer ganzen Skala von Verhaltensweisen, von denen es abhängt, ob agile Methoden auch tatsächlich wirksam eingesetzt werden können. U.a. sind dies: 

  • Sehr viel größere Selbstständigkeit anstatt nach Vorgaben zu handeln
  • Höhere Identifikation mit der Arbeit
  • Risikofreudigeres Verhalten und Fähigkeit zum experimentellen Vorgehen
  • Stärker ziel- als prozessorientiertes Verhalten
  • Ausgeprägte Entscheidungsfreude
  • Führungsstärke und die Fähigkeit, Position zu beziehen
  • Hohe Kontaktstärke.

Alles Eigenschaften von Menschen, nicht von Methoden.

 

Schulungen in agilem Projektmanagement müssen deshalb auch die Ebene der persönlichen Verhaltenskompetenzen erreichen. stratum tut dies, indem es ein Potenzialanalyse-Instrument des Hamburger Personalentwicklers CNT einsetzt, das auf 41 Skalen die persönliche Verhaltensdisposition mit den Anforderungen an das neue Projektmanagement vergleicht. Sowohl in offenen Seminaren als auch in Trainings für Firmen und Organisationen hat sich dieser Ansatz bereits bewährt. Die Teilnehmer kommen aus diesen Veranstaltungen mit eigenen Entwicklungszielen heraus und haben konkrete Wege zur Umsetzung vor Augen. Sie wissen nicht nur besser, wie „man“ es machen könnte, um agil zu werden, sondern wie sie ganz persönlich auf diesem Weg weiterkommen. Das ist der entscheidende Unterschied.

 

Und es gibt noch einen weiteren: Der Seminarerfolg ließe sich durch einen zweiten Potenzialanalyse-Test nach sechs bis zwölf Monaten genau messen. stratum und CNT bieten dies Unternehmen mit dem Programm KiP (Kompetenzentwicklung in der Praxis) gezielt an.


Hurra, wir sind im Anthropozän!

Januar 2016

Die Menschheit verändert die Erde so stark, dass wir inzwischen von einem neuen geologischen Erdzeitalter sprechen, das der niederländische Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen als Anthropozän bezeichnet. Das Anthropozän beendet die Phase des Holozäns, jener zwischeneiszeitlichen Phase mit stabilen Klimaverhältnissen, in dem auch die Geschichte der Menschheit begonnen hat. Die Ausrufung des Anthropozäns signalisiert uns, die Verantwortung für den Planeten zu übernehmen. Das verändert einiges.

Eine Tagung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) zum Jahresanfang 2016 konfrontierte die Umwelt- und Nachhaltigkeitspädagogen mit diesen Veränderungen. Die zweitägige Veranstaltung in Osnabrück halten wir deshalb für bemerkenswert, weil sie die letzte gewesen sein sollte, die nach alten Mustern ablief. Denn im Anthropozän wird sich auch die Umweltbildung verändern. Die Anzeichen dafür waren mehr als deutlich. Wohin geht der Weg?
  • Die Jugend übernimmt das Ruder. In Osnabrück waren zwei junge Frauen – Organisatorinnen des letztjährigen DBU-Jugendkongresses „Zukunft selber machen“ – die Stakeholder des Generationenwechsels. Zwar war spürbar, dass sie noch unter dem Einfluss eines wohlmeinenden Paternalismus standen, mit dem Institutionen wie die DBU ihr Bestes tun, um die Jugend dabei zu unterstützen, selbstständig zu werden. Gefragt, welche Unterstützung sie auf diesem Weg brauchen, artikulierten die jungen Frauen einen Anspruch an eine Komplettversorgung aus Coaching, finanzieller und technischer Unterstützung, die Vertreter der „alten“ Umweltpädagogen-Generation, die sich ihre Freiräume und Ressourcen noch gegen das Establishment erkämpfen mussten, die Stirn runzeln ließen. Aber der große Anteil junger Menschen auf der Konferenz signalisierte: Der Kipppunkt ist nicht weit entfernt, an dem die unter 30-jährigen das Thema „Nachhaltigkeit“ für sich reklamieren werden.
  • Social Entrepreneurship ersetzt das Förderwesen. Auch Robin Koerth, einer der „Zukunftsmacher“ der Plattform yooweedoo hatte seinen  Auftritt erst am zweiten Tag der Konferenz und im Rahmen eines der Workshops. Die Beispiele, die der junge Geograph und DBU-Stipendiat dem Tagungspublikum vorstellte, waren durch die Bank ganz anders gestrickt als klassische Umwelt- und Nachhaltigkeitsprojekte, denn sie basieren alle auf einem unternehmerischen und hoch kreativen Ansatz und sind von jungen Leuten getragen, die die Antwort auf soziale und ökologische Herausforderungen nicht beim Staat suchen – Social Entrepreneurs eben. Die klassische Umwelt- und Nachhaltigkeitsszene, so berichtete Verbandschefin Annette Dieckmann, habe so gut wie keine Berührungspunkte zu diesen Social Entrepreneurs.
  • Wissen wird wieder wichtig. Obwohl einer der professoralen Tagungsredner der Förderung des MINT-Sektors, wie die naturwissenschaftlich-technische Wissensbasis im Bildungssystem heute abgekürzt wird, die Relevanz für die Nachhaltigkeitsbildung auf dem Weg zur „großen Transformation“ unserer Gesellschaft absprach und der Meinung Ausdruck verlieh, man müsse „Gentechnik nicht verstehen, um gegen Gentechnik zu sein“, spricht die Realität (und auch die Förderpraxis der DBU) eine andere Sprache. Schülerlabore und Citizen Science werden im Anthropozän immer wichtiger, weil die erfolgreiche Gestaltung eines ganzen Planeten nicht auf ideologischer Basis geschehen kann. Die Wirkung des puren Alarmismus, wie er auf der Tagung bei der Vertreterin des WBGU immer wieder anklang („Es wird ganz, ganz schlimm werden, wir müssen sofort etwas tun“), scheint inzwischen verpufft – daran ändern auch die neuen medialen Formen nichts, in denen sie als Comic und Zeichentrick-Filmchen verbreitet werden. Realismus und Pragmatismus werden die Umweltbildung im Anthropozän bestimmen. Der Berliner Pädagogikprofessor Gerhard de Haan hat das auch auf der Konferenz in Osnabrück mit seinen kritischen Anmerkungen über das Wunschdenken und die  Marginalität der Umweltbildungsakteure unterstrichen.

Wir möchten wetten, dass die nächste, spätestens aber die übernächste Jahreskonferenz der DBU zur Umweltbildung diesen neuen Entwicklungen auch im Format Rechnung trägt. Statt sechs einstündiger Vorträge am Stück und unter beengten Verhältnissen stattfindender Workshops könnte es ein Barcamp werden, auf dem Methoden des Design Thinking und der Ko-Kreativität nicht nur referiert, sondern praktiziert werden. Methoden, die wir in Zukunft benötigen. Denn ins Holozän, wie der Geobiologe Reinhold Leinfelder betonte, führt kein Weg zurück. Blicken wir also nach vorn, denn, hurra, wir sind im Anthropozän!


Nachhaltigkeit aus unserer Sicht – Die Absage an ein politisches Verständnis prägt auch die Einstellung der aufgeklärten Bürger*innen in unserem Land

November 2015

Ist Nachhaltigkeit immer noch ein Schlüsselkonzept für den Erfolg – sowohl in der Wirtschaft als auch im Non-Profit-Sektor? Das wollten wir von unseren Kunden und Stakeholdern in einer Umfrage wissen, die Mitte Oktober stattfand. 61 Personen haben uns geantwortet – und dies ist das Meinungs- und Stimmungsbild, das für eine nachhaltigkeitsaffine Zielgruppe beruflich und wirtschaftlich verantwortlicher Menschen steht, mit denen stratum täglich Kontakt hat.


Insgesamt ergibt sich daraus ein Bild, das dafür spricht, dass Nachhaltigkeit ein stark entpolitisiertes Konzept ist. Die hohe Verantwortungsbereitschaft der Einzelnen geht einher mit einer Konzentration auf das eigene engere Umfeld. Die Perspektive des übersättigten Wohlstandsbürgers, die den meisten von uns ja tatsächlich am nächsten ist, beherrscht die Wahrnehmung der Welt.


Das beginnt mit der Wahrnehmung der politischen Steuerungsfähigkeit des Staates. 68 Prozent erkennen ein geringer werdendes Vertrauen in die Handlungsfähigkeit unserer politischen Eliten. 


Unter den großen Problemen der Welt beschäftigt die Teilnehmer unserer Umfrage vor allem der Klimawandel. Einerseits wird er von 62 Prozent als unaufhaltsam angesehen, andererseits ist das Stoppen des Klimawandels für 55 Prozent eine wesentliche Voraussetzung für eine nachhaltige Zukunft. Mit großem Abstand werden Faktoren, die uns Deutschen am nächsten sind, als notwendig erachtet, um eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen: Das Gelingen der Energiewende (58 Prozent) und das Ende der Wachstumsökonomie (75 Prozent). Diese deutsche Wohlstandsbürger*innen-Perspektive führt dazu, dass alle anderen abgefragten Faktoren wenig Bedeutung bekommen:

Eine anscheinend eher entpolitisierte Sicht auf die Nachhaltigkeit spricht auch aus den Antworten auf zwei weitere Fragen: „Wer hat die größte Verantwortung für Nachhaltigkeit“ beantworten die Befragten so:

1. Jeder Einzelne (83 Prozent)

2. Der Staat (67 Prozent)

3. Unternehmen (53 Prozent)

4. Nichtregierungsorganisationen (40 Prozent)


Erstaunlich, dass auch den Unternehmen nur von der Hälfte der Befragten eine Verantwortungslast zugeschrieben wird. 


Bei der Einschätzung des eigenen Beitrags zur Nachhaltigkeit klafft eine große Lücke zwischen dem, was man beruflich (90 Prozent) und im privaten Lebensstil (87 Prozent) beitragen zu können glaubt und dem politischen Engagement für Nachhaltigkeit (35 Prozent). 


Nachhaltigkeit scheint also primär zu einer Frage der persönlichen Verantwortung für den eigenen Lebensstil geworden zu sein, die gesellschaftspolitischen Aspekte treten in den Hintergrund. Obwohl 83 Prozent der Aussage zustimmen „Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter“, blicken 65 Prozent der Antwortenden optimistisch in die Zukunft. Dieser Optimismus dürfte auf der Motivation durch Familienleben und soziale Anerkennung basieren, die als die wesentlichen Motivationsfaktoren im eigenen sozialen Umfeld angesehen werden. „Macht und Einfluss“ auf die Verhältnisse zu gewinnen, kommt als Motivationsfaktor nur auf 22 Prozent. 


Thermostatdenken – Was die Energiewende auch behindert

Oktober 2015

Wenn man Otto Normalverbraucher nach Möglichkeiten des Energiesparens fragt, denken fast alle spontan an „Licht ausschalten“. Diese „Stromfokussierung“ scheint aber sogar in der fachlichen Diskussion über die Energiewende Fakt zu sein. Zumindest hat jetzt der Forschungsverbund Erneuerbare Energien (FEEV) dies kritisiert und darauf hingewiesen, dass die Energiewende vor allem auch eine „Wärmewende“ sein muss. Der Wärmeverbrauch mache 58 Prozent des Energieverbrauchs aus, wird festgestellt. Bei der energetischen Versorgung von Gebäuden sind es sogar 75 bis 80 Prozent.


Der zweite Denkfehler in diesem Zusammenhang besteht in der Fixierung auf erneuerbaren Energien. Solar- und Windstrom werden als die Lösung des Problems jedoch zu sehr in den Vordergrund gerückt. „Der mit großem Abstand stärkste Hebel zur CO2-Vermeidung ist die Verbesserung der Energieeffizienz, gefolgt von der Ablösung fossiler durch erneuerbare Energien.“ Das stellte die Internationale Energieagentur (IEA) 2013 fest und es gilt sicher auch heute noch.


Und hier kommt der gemeine Verbraucher und Gebäudenutzer ins Spiel. Denn bis heute haben die meisten nicht gelernt, wie sie täglich zu einer besseren Energieeffizienz beitragen können. In öffentlichen Gebäuden, wo Energie aus Nutzersicht ja scheinbar gar nichts kostet, wird dieses Wissensdefizit besonders eklatant. Es fehlt allenthalben am „Thermostatdenken“.


Denn es ist offenbar nicht in unseren Köpfen, wie ein Thermostat funktioniert und welche Rolle der Mensch dabei spielt. Viele Mitarbeiter in Büros und Verwaltungen, aber auch Schüler und Lehrer verwechseln einen Thermostatkopf mit einem Ein- uns Ausschalter oder halten ihn für so etwas wie einen Lautstärkeregler. Sie haben nicht verstanden, dass ein Thermostat nur dann effizient ist, wenn er möglichst lange auf einer bestimmten Einstellung steht. Also z.B. während des Arbeitstages auf Stufe 2, wenn ich ca. 19 bis 21 Grad Celsius im Raum haben möchte. (Die genaue Zuordnung zwischen Thermostateinstellung und Temperaturbereich hängt von spezifischen Faktoren ab, aber das bekommt ein aufmerksamer Nutzer schnell raus.) Und falls in meinem Bürogebäude ohnehin eine globale Nachtabsenkung besteht, dann brauche ich auch abends nicht herunter- und morgens nicht heraufzudrehen.

Tatsächlich aber drehen die meisten morgens den Thermostat erst einmal auf, oft auf Stufe 4 oder 5, "zum Aufheizen". Dann, wenn  es zu warm wird, werden die Fenster gekippt, man will ja auch frische Luft. Faktisch wird dadurch aber die Luft kaum ausgetauscht, die Wärme aber laufend ins Freie gepumpt. Und wenn es dann gar zu warm wird, dreht man den Thermostatknopf mal auf 0, bis es wieder zu kalt ist.

 

Merke: Der Mensch ist nicht Stellglied, sondern Normgeber! Ein Thermostat regelt selbst, es ist nicht sinnvoll, ihn ständig auf- und zuzudrehen. Er kennt meine Wohlfühltemperatur und wacht darüber! Wenn wir dieses Wissen in den Köpfen verankern könnten, wären wir in der Energiewende wieder einen Schritt weiter.


Gute Moderation ist anders – „Dynamic Facilitation“ bestätigt Moderationskonzept von stratum

August 2015

Immer noch und immer wieder stoßen wir bei den Teilnehmern unserer Moderationstrainings, aber auch bei Führungskräften in Organisationen und bei unseren Kunden auf den Glauben an die „richtige Methode“. Die Moderationstechnik, so wird unterstellt, sei ein Set von „Tools“, die man nach Vorschrift anwenden müsse, um Beteiligung und Produktivität von Gruppen zu erreichen. In den Praxisübungen im Trainingsseminar wird dann schnell klar, dass ein Moderator, der sich auf die Kraft seines vorher ausgedachten Verfahrenskonzepts alleine verlässt – verlassen ist. Moderatoren müssen neben einem Ablaufkonzept und formalen Schritten mindestens genauso viel Wert auf zwei andere Dinge legen, die sie miteinander verknüpfen können sollten: die Menschen und die Sache. Tatsächlich sind die wenigsten Moderatoren wirklich interessiert an den verhandelten Inhalten. Sie „denken“ nicht wirklich mit und fordern die Gruppe nicht, der „Wahrheit“ näher zu kommen und den Dingen auf den Grund zu gehen.

 

Theoretisch haben wir nun alle gelernt, wie wichtig die „Beziehungsebene“ neben der „Sachebene“ ist und dass ohne eine positive und vor allem interessierte („authentische“) Haltung des Moderators nichts oder doch viel zu wenig geht. Doch den wenigsten gelingt es auf Anhieb, wirklich auf die einzelnen Menschen einzugehen. Der geplante Ablauf, die Angst vor Zeitverlust und vor „störenden“ Meinungen der Teilnehmer hindert viele in der Moderatoren-Rolle daran, Beziehung(en) aufzunehmen, während sie moderieren.

 

Dass dies aber das A und O einer gelingenden Moderation sind, bestätigt der neueste methodische Impuls in der Moderationstechnik, der natürlich aus den USA kommt und auf die Praxis von Jim Rough zurückgeht: Dynamic Facilitation. Die wesentlichen Unterschiede zur „klassischen“ Moderation zeigt die Gegenüberstellung:

Die Innovation, die durch Dynamic Facilitation in die Moderationsmethodik kommt, bedeutet natürlich nicht, dass der klassische Ansatz obsolet ist. Welche methodische Ausrichtung geeignet ist, wird durch die jeweilige Aufgabenstellung definiert. Allerdings ist klar, dass überall dort, wo Veränderungsprozesse in Gang kommen sollen, wo Konfliktpotenziale und hohe Diversität vorhanden sind und Verantwortung auf eine breitere Basis gestellt werden soll, Moderation eher Dynamic Facilitation ist. Bei stratum nennen wir dieses methodische Konzept seit langem „Veränderungsmoderation“. Vielleicht sollten wir es in Zukunft „Dynamic Change Facilitation“ nennen?


Berufliche Bildung und Nachhaltigkeit: Nur in den Köpfen der Pädagogen?

Juli 2015

Experten aus fünf europäischen Ländern haben sich über ein Jahr lang mit der Frage beschäftigt, wie sogenannte "Green Skills" in der beruflichen Aus- und Weiterbildung verankert werden können. Dabei reichte das Spektrum der Anforderungen vom allgemeinen Umweltbewusstsein bis zu spezifischen Fähigkeiten und Kompetenzen, die die Nachhaltigkeit im betrieblichen Einsatz fördern. Die interkulturellen Unterschiede fielen dabei ebenso ins Gewicht wie der unterschiedliche Entwicklungsstand zwischen Ländern wie Deutschland und Großbritannien gegenüber Tschechien und Bulgarien. Am frappierendsten aber fanden wir das Ergebnis einer Befragung von Lehrkräften der beruflichen Bildung und Verantwortlichen in den Wirtschaftsunternehmen. Hier tut sich anscheinend eine große Lücke auf zwischen den Vorstellungen von Nachhaltigkeit in den Köpfen der Pädagogen und den Anforderungen und Realitäten in den Betrieben. Etliche missing links wären hier in Zukunft zu bearbeiten.

Im Original lautet die Schlussfolgerung der Untersuchung: "Educators consider the broader area of green skills to be a developing area, within which they prioritise the field of environmental awareness. While employers also consider this to be an important area, they also have VET needs in the fields of expert procedural knowledge and practical involvement, suggesting there is a need (and an opportunity, as the delivery models develop) to more closely align the skills being taught by VET providers to those needed in the workplace."  (VET steht für Vocational Education and Training.)  Die Ergebnisse des Projekts, bei dem stratum einer der beiden deutschen Partner war, sind demnächst gesammelt nachzulesen unter dieser URL.


"Wir haben da Inklusionskinder dabei!"

Juli 2015

„Das Konzept der Inklusiven Schule erkennt die Individualität jedes Kindes sowie die Verschiedenheit der Schülerinnen innerhalb einer Lerngruppe an und sieht darin sogar eine Bereicherung.“ Das ist die offizielle Definition und Willensbekundung der Berliner Schulver-waltung. Eine Grafik will die Unterschiede zu früher verdeutlichen:

Das Bild ist auf eine ungewollte Weise verräterisch. Denn auch im Kreis „Inklusion“ sind die vorher ausgegrenzten Kinder – die roten Punkte – noch identifizierbar.

 

Tatsächlich entspricht dieses Bild der Realität in den derzeitigen  „Inklusiven Schulen“. Denn nach wie vor haben Lehrkräfte und pädagogisches Personal ein großes Interesse daran, die „Inklusionskinder“ inmitten ihrer Schülerinnen und Schüler auszumachen. Diese Kinder sind und bleiben immer noch etwas Besonderes. Dahinter steckt die Neigung nicht weniger Lehrkräfte in unseren Schulen zur Stigmatisierung. Schnell werden Kinder, die sich etwas anders verhalten als die gewünschte Norm es will, als „schwierig“, „verhaltensauffällig“ und „unangepasst“ detektiert. Auch ganze Klassen erhalten vom Lehrpersonal nur zu gerne solche Etikettierungen.

 

Wir sind noch ein ganzes Stück davon entfernt, die Individualität jedes Kindes in unseren Schulen anzuerkennen. Wenn wir etwas für die „Inklusion“ tun wollen, brauchen wir weniger speziell geschulte Lehrkräfte, die „auch“ mit den „Inklusionskindern“ zurechtkommen. Sondern erst einmal ein professionelles Niveau aller Lehrkräfte, das Diversität als Normalität behandelt. 


Cobblestones sind nicht die Wirklichkeit

Juni 2015

Unterfordert bitte nicht den Nachwuchs - auch nicht im Namen der Nachhaltigkeit!

Wenn Schüler Rauch nicht von Dampf unterscheiden können und gerade mal wissen, dass Pflanzen zum Wachsen Licht benötigen - dann stilisiert sie bitte nicht schon zu Helden der Zukunft, wie es im Projekt "Zukunftsstadt" gerade passiert.

Cobblestones ersetzen nicht die komplexe Wirklichkeit... 


Berlin braucht eine Großstadt-Strategie -     Auch für die Umweltbildung

Juni 2015

Welche Umweltbildung braucht Berlin? stratum wurde als Experte dazu vom Senatsausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt angehört.

 

Zunächst einmal haben wir klargestellt, dass es in der Umweltbildung nicht nur um die Umwelt, sondern auch um die ökonomischen und sozialen Aspekte dessen, was Umweltbildner als Organisationen für die Gesellschaft tun, geht. Das heißt, dass der gesellschaftliche Bedarf und Nutzen mehr in den Vordergrund gerückt werden sollte. Demnach macht es Sinn, Umweltbildung auf die Bedürfnisse einer Stadt zu fokussieren. 

 

Hierzu haben wir uns mit folgenden drei Brennpunkten näher beschäftigt:

  • Der Stadtnatur - den Zusammenhängen zwischen städtischen Lebensräumen und Naturbedürfnissen
  • Der Energie- und Ressourceneffizienz als wesentliche Klimastrategie
  • Der stärkeren Verankerung von Umweltbildung in Schulen

Doch um den vielen engagierten kleinen Herzblutprojekten in diesen Bereichen ein stärkeres Gewicht zu geben, muss die Vernetzung der Akteure weiter ausgebaut werden. Erst durch ein stärkeres Zusammenarbeiten, Hingucken, was der andere macht, und sich Abstimmen kann das Potenzial der Umweltbildung, einen erheblichen Beitrag zur Lebensqualität und zur Entwicklung der Stadt zu leisten, voll ausgeschöpft werden.

 

Hier das ausführliche Protokoll der Sitzung zum Nachlesen.