Wir tauschen uns gerne aus.

In der stratum lounge finden regelmäßig Lesungen, Diskussionsrunden, Netzwerktreffen und sonstige Veranstaltungen statt - zu Themen, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten. Informieren Sie sich hier und kommen Sie uns besuchen!

Ein Archiv vergangener Lesungen finden Sie hier.



Es gibt ein Genug – Warum Reichtum nicht die Welt zerstören muss

Am 25.05.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Schon vor über 40.000 Jahren konnten die Menschen mit Feuer umgehen. Da wundert es einen schon, dass der technologische Fortschritt nicht schon viel früher eingesetzt hat und schneller vorangeschritten ist. „Was haben die Menschen denn die ganze Zeit gemacht?“, zitiert der Ethnologe Dieter Kramer seine Frau. Tatsächlich waren die Menschen dieser „Vorzeit“ uns darin überlegen, einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln. Sie zeigen uns, dass auch große menschliche Gemeinschaften mit Wohlstand und Fülle des Reichtums dauerhaft umgehen konnten, ohne zerstörerisch zu wirken. In den teilsesshaften Wohlstandsgesellschaften des Neolithikums gab es keinen Zwang zum ständigen Fortschritt. Sie hatten offenbar ein Problem gelöst, vor dem wir heute stehen.


Unter weitreichender historischer Perspektive beleuchtet Dieter Kramer in seinem Buch „Es gibt ein Genug“ die Entwicklung menschlicher Gesellschaften und das Entstehen und Verschwinden der Kulturen. Diese Perspektive lehrt uns, dass es unstatthaft ist, frühere Geschichtsphasen nur als vormoderne Stufen auf dem Weg zur heutigen Moderne zu interpretieren. Andere Kulturen und Phasen der Geschichte hatten bereits Lösungen für die Nachhaltigkeit gefunden – in der Bronzezeit ebenso wie in der Renaissance. Kramer zeigt auf, was wir daraus für den Übergang zur Postwachstumsgesellschaft lernen könnten, vor dem wir heute stehen.


Dabei spielt der „informelle Sektor“ in den Volkwirtschaften eine große Rolle. Er ist bedeutsamer als die heutige Wirtschaftspolitik annimmt, für die es fast ein Tabu darstellt, dass Menschen freiwillig in diesem Sektor bleiben und ihn nicht nur als Warteschleife für den formellen Sektor betrachten.


Am 25. Mai präsentiert Dieter Kramer sein „unkonventionelles“ Buch, das einen neuen Blick auf die aktuelle Postwachstumsdebatte wirft und eher undramatisch in den Suchbewegungen, experimentellen Pfaden und molekularen Wandlungen unserer heutigen Gesellschaft die Vorboten eines neuen nachhaltigen Zeitalters aufspürt.

 

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Biologische Intelligenz – Warum Evolutionstheorie und Gentechnik zu einfach sind

Am 22.06.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Es gehört zum Weltwissen des heutigen Menschen und wurde durch das Coronavirus wieder ins Bewusstsein gehoben: Die gängige Theorie der Evolution erklärt die Entwicklung der Arten durch einen „zufälligen“ Prozess ständig stattfindender Mutationen, die zu einer immer besseren Anpassung von Lebewesen an die Umwelt führen. Und heute, da die Genforschung solche Mutationen auf der Ebene der DNA verstanden hat, ist es ein scheinbar logischer Schritt, durch Gentechnik diese Anpassungsprozesse zu beeinflussen, zu beschleunigen und zielgerichteter zu gestalten

 

Angesichts des Klimawandels erscheinen die Optionen gentechnisch veränderter Organismen – Bienen, Korallen, Bäume oder Nahrungspflanzen – denn auch als durchaus handhabbare Strategie für das menschliche Überleben. Dass damit Risiken verbunden sein mögen, ist ein Einwand, der schwächer wird vor dem Hinweis, dass ja auch die evolutionäre Natur selbst anscheinend ständig mit den Genen „spielt“ und erst hinterher quasi erkennt, was dabei herauskommt. 

 

Einen grundlegenden Zweifel an diesem Evolutionsverständnis meldet das Konzept der „Biologischen Intelligenz“ an. Christoph Then stellt den Ansatz in seinem neuen Buch nun einer breiteren Öffentlichkeit vor. Der Inhaber eines unabhängigen Instituts für Gen- und Biotechnologie macht deutlich, dass die Evolution über drei bis vier Milliarden Jahre nicht nur immer neue Mutationen hervorgebracht, sondern auch „gelernt“ habe, „die gefundenen Problemlösungen zu sammeln, auszuwerten und zu speichern“. Deshalb „haben die Prozesse der Evolution keineswegs nur die Lösungen zugelassen und bewahrt, die unter bestimmten Umweltbedingungen am besten funktionieren: Das System hat nicht nur gelernt, Probleme zu lösen, sondern auch vielfältige Lösungsmöglichkeiten auf ‚Vorrat‘ anzulegen… Nicht die Entwicklung von immer besser angepassten superfitten Arten scheint der gemeinsame Nenner der Evolution, sondern die Kreation von Vielfalt, um für künftige Probleme und die weitere Entwicklung gerüstet zu sein.“ 

 

Angesichts der so verankerten biologisch-evolutiven Intelligenz erscheinen die Optimierungsideen der Gentechniker nicht nur als viel zu einfach und mechanistisch, sondern sie bergen das Risiko, durch Eingriffe in die „Keimbahn der biologischen Vielfalt“ etwas zu erzeugen, was Then als „biologische Demenz“ bezeichnet. Wir haben es vielleicht in der Hand, das Leben auf der Erde von seinem Milliarden Jahre alten Gedächtnis zu trennen… 

 

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So geht Verkehrswende – Gegen Straßen auf die Straße gehen!

Am 05.07.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Die „Verkehrswende“ wird als heute als Mittel gegen den Klimawandel diskutiert. Folgerichtig stehen nicht-fossile Antriebsalternativen wie das E-Auto meist im Mittelpunkt der Debatte. Aber das ist ein Irrweg, meint das vierköpfige Redaktionskollektiv „Autokorrektur“. Clara Thompson, Jörg Bergstedt, Jutta Sundermann und Tobi Rosswog sind Aktivisten, die sich nach der Räumung des Dannenröder Waldes zusammengefunden haben. Die Proteste im Dannenröder Wald 2020 richteten sich gegen den Ausbau der Autobahn zwischen Kassel und Gießen. Als Redaktionskollektiv hat das Kleeblatt jetzt ein Aktionsbuch herausgebracht, um den Fokus auf die sozialen Aspekte der Verkehrswende zu richten und kreative Formen der Auseinandersetzung zu ermutigen: „Für Verkehrswendeaktionen gut nutzbar ist der StVO-Paragraph 27 (Fahren mit mehr als 15 Fahrrädern im Pulk ist erlaubt). § 25 erlaubt das Gehen auf der Fahrbahn, wenn mensch Gegenstände mit sich führt, die für den Fußweg zu breit sind.“

 

Um Klimaschutz und eine menschen- und umweltverträgliche Mobilität zu erreichen, könne die Lösung nicht E-Mobilität heißen, heißt es in dem Verkehrswende-Aktionsbuch mit dem Untertitel „Acker, Wiese & Wald statt Asphalt“. Die Ressourcenbilanz der E-Fahrzeuge ist kaum besser als die der Verbrenner, sie benötigen genauso viele Straßen und befördern mit dem Trend zu immer größeren SUVs die Statusbedürfnisse einer hegemonialen Männlichkeit, so die Autor(inn)en. Tatsächlich birgt die E-Mobilität die Gefahr, den motorisierten Verkehr sogar noch attraktiver zu machen, denn es „ist zu befürchten, dass E-Autos zusätzliche Fahrten generieren, weil sie ‚mit gutem Gewissen‘ unternommen werden“. Genauso desillusionierend ist auch bereits die Hoffnung verflogen, durch Carsharing ließe sich eine Verkehrsreduzierung erzielen: „Die Zahl der Carsharing-Mitglieder steigt gleichzeitig zur Zahl der zugelassenen Privatneuwagen“.  

 

Worum also muss es bei der Verkehrswende gehen? In einer Vielzahl von Beispielen zeigen Tobi Rosswog und Jutta Sundermann Wege auf für eine Verkehrswende, die die gesundheitlichen, ökologischen und sozialen Kosten der Massenmobilität tatsächlich reduzieren könnten. Das Gros der Vorschläge bewegt sich noch zwischen Guerilla-Aktionen auf Autobahnen und bürgerschaftlich vorangetriebenen Radwegeentscheiden. Diese werden aber methodisch-professionell aufgezogen. Und das Redaktionskollektiv bietet sich explizit als Trainer an – für „Workshops, Aktionstrainings und kleine Beratungen rund um die Verkehrswende“.

 

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Inklusive Demokratie – Wie es gelingt, alle zu beteiligen

Am 22.09.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Unsere Demokratie hat Mängel. Das Parlament spiegelt in seiner Zusammensetzung bei weitem nicht die Gesellschaft in Deutschland wider. Im Vorwort zum Buch von Katharina Liesenberg und Linus Strothmann stellt Peter Fox fest: „Durch die Wahlkreise ist zwar sichergestellt, dass aus allen Teilen Deutschlands Menschen vertreten sind, aber zum Beispiel beim Geschlechterverhältnis liegt das Verhältnis nicht bei 50:50, und auch die Verteilung nach Bildungsabschluss entspricht nicht den tatsachlichen Verhältnissen: Im Bundestag sitzen 85 Prozent Akademiker/innen.“ Hinzu kommt, dass sich ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger gar nicht an der demokratischen Veranstaltung beteiligt. Wir seien „längst eine elitäre Mittelschichtsdemokratie geworden“, stellt der Berliner Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel fest.

 

Die Autoren Katharina Liesenberg und Linus Strothmann haben ein Mittel dagegen gefunden. In ihrem Buch „Wir holen euch ab!“ wollen sie zeigen, „wie man Politik verändern kann. Und zwar strukturell, so dass für alle Menschen mehr Teilhabe möglich wird“. Es geht ihnen darum, „die zunehmende Differenzierung von Gesellschaft und die Pluralität von Lebenswirklichkeiten ernst zu nehmen“ und Methoden zu etablieren, die die repräsentative Demokratie ergänzen und zu einer „inklusiven Demokratie“ machen.

 

Das Mittel ihrer Wahl ist, kurz gesagt, die Einführung des „aufsuchenden Losverfahrens“ in die Beteiligungsprozesse auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Bürgerbeteiligungsprozesse gibt es ja verbreitet bei uns, aber die bisherigen Formen dieser Partizipation haben einen Haken: Auch sie erreichen nur die interessierten Aktivbürger. „Weil partizipative Angebote auf Freiwilligkeit basieren“, stellen Liesenberg/Strothmann fest, „tritt eine Überwindung der Inaktivität kaum automatisch ein. Viel eher ist es so, dass politisch Aktive solche Formate nutzen, um die eigenen Aktivitäten auszuweiten“. Es reiche aber nicht aus, „nur die dazu zu holen, die sich einbringen wollen. Wir brauchen für eine Vielfalt auch die, die dies nicht können oder wollen“.

 

An mehreren praktischen Beispielen veranschaulicht das Autorenduo, wie Beteiligungsprozesse durch Zufallsauswahl von Bürgerinnen und Bürgern sowie den direkten aufsuchenden Kontakt zu denen, die nicht von sich aus auf die Einladungen reagieren, vielfältiger, produktiver und erfolgreicher werden. Der Vergleich klassischer offener Beteiligungsformate mit Beteiligungsworkshops, die auf dem aufsuchenden Losverfahren basieren, legt den Schluss nahe, dass diese eher gemeinwohlorientierter und weniger interessenspezifisch agieren. Ein Vorteil, den Kommunen zu schätzen wissen, die mit dem Instrument Erfahrungen gemacht haben: „Insgesamt sorgte die Zufallsauswahl dafür, dass innerhalb der Verwaltung Bürger/innenbeteiligung nicht mehr als undemokratischer Parallelprozess wahrgenommen wurde, sondern als tatsachliche Hilfe für die Entwicklung besserer Konzepte.“

 

Katharina Liesenberg ist Gründerin der beiden Vereine „mehr als wählen e. V.“ und „Demokratie Innovation e. V.“, die losbasierte Beteiligungsverfahren auf lokaler und nationaler Ebene durchführen. Linus Strothmann war in der Kommunalverwaltung von Falkensee und Werder (Havel) für die Bürger/innen-Beteiligung zuständig; er ist heute im Bereich Beteiligung beim Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung tätig.

 

Aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen haben Liesenberg/Strothmann die konkrete Vision einer inklusiven Demokratie, in der es völlig selbstverständlich ist, dass "neben einem formellen Beteiligungsverfahren auch ein informelles stattfindet, bei dem Menschen zu Wort kommen, die durch aufsuchende Verfahren ausgewählt worden sind“. Professionelles Moderations-Knowhow, kompetenter Umgang mit strategischen SWOT-Analysen sowie mit der Methode des Systemischen Konsensierens sind dafür technische Voraussetzungen, die es zu schaffen gilt.

 

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Mehr Gleichheit für eine gerechtere Welt. Ein politisch-philosophischer Vorschlag

Am 06.10.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Schon Platon und Aristoteles beschäftigten sich mit der Frage, wie eine gute und gerechte Gesellschaft aussehen müsste und ob es in ihr z.B. Privateigentum geben sollte (Platon: nein, Aristoteles: ja.)

 

Nun macht ein junger Nachwuchs-Philosoph, Dennis Hindenburg, den Versuch, eine Theorie der sozialen Gerechtigkeit aufzustellen. Dabei kombiniert er in einem Gedankenexperiment die Fiktion von Menschen, die sich in einem „Urzustand“ befinden, mit einem Aushandlungsprozess, der sich mit den grundlegenden Fragen des menschlichen Zusammenlebens befasst. Das Ergebnis ist ein „idealer Gesellschaftsvertrag“ in vier Paragrafen, der die Verteilungsprinzipien von „Grundgütern“ und „knappen Gütern“ regelt und auch auf die Rolle von „Beziehungsgütern“ eingeht. Im Anschluss konfrontiert Hindenburg die Aussagen seines Gesellschaftsvertrags mit der Realität heutiger gesellschaftlicher Konfliktthemen wie Nationalismus, Privateigentum, Einkommensverteilung etc.

 

Das Ergebnis seiner Untersuchung ist „die Forderung nach mehr politischer und sozialer Gleichheit bzw. Gleichberechtigung, also Egalität“. Durchaus realistisch weist er darauf hin, dass es historisch gesehen bisher nur „unangenehme Ereignisse“ gewesen seien, die gesellschaftliche Egalität befördert haben: „Kriege, brutale Revolutionen, das Kollabieren von Staaten und Seuchen“. Die Hoffnung des jungen Philosophen ist, dass es „dass es noch eine fünfte Quelle“ für mehr Gleichheit geben möge: „die Einsicht“.  

 

Diskutieren Sie mit Dennis Hindenburg über seinen philosophischen Vorschlag für eine bessere Welt!

 

Die Veranstaltung wird gefördert durch den Brandenburgischen Literaturrat aus Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg. 

 

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Arme Schweine. Zwischen globaler Fleischindustrie und Tierwohl-Label

Am 10.11.2022 um 19 Uhr in der stratum lounge

Genetisch steht uns das Schwein sehr nahe. Schweine sind intelligente und soziale Tiere. Als „lokales Schwein“ in kleinbäuerlicher Hinterhofhaltung lebte es in einem Win-Win-Verhältnis mit dem Menschen. Hier hatten die Schweine Bewegungsfreiheit, um ihre Eigenarten wie Wühlen oder Spielen auszuleben, waren in Gruppen zusammen und wurden weder kastriert noch kupiert. Anders das „globale Schwein“ der heutigen weltweiten Fleischindustrie. „Bei der Stallfütterung nimmt das Mastschwein seine Tagesration in 5 Minuten auf und langweilt sich die restliche Zeit zu Tode“, schreiben die Autoren der von Rudolf Buntzel verantworteten Publikation „Pig Business. Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt“.

 

Und das ist nicht der einzige Aspekt, der als Vergewaltigung der Tiere bezeichnet werden muss: „Seit der Industrialisierung der Schweinehaltung in Deutschland werden die allermeisten konventionell gehaltenen Schweine auf sehr engem Raum gehalten, ohne jemals das Sonnenlicht zu sehen. Einem ausgewachsenen 100-Kilo-Schwein garantiert der Gesetzgeber lediglich 0,75 Quadratmeter Platz.  Auslauf gibt es nicht. Von einer ausreichenden Bewegungsmöglichkeit mit Licht und Luft kann also keine Rede sein. Auch die für Schweine so wichtige Trennung von Schlaf,- Futter- und Kotplatz ist in der Intensivtierhaltung nicht vorgesehen. Dabei stehen die Tiere auf harten Betonboden mit Spalten, den sogenannten Vollspaltenboden, durch die ihre Exkremente fallen.“

 

Diese Zustände sind freilich nicht Ergebnis von reiner Willkür und Gedankenlosigkeit, sondern Elemente eines fast zwangsläufigen Systems, in dem die ökonomischen Bedingungen globalisierter Produktions- und Handelspraktiken wenig Spielräume lassen. Der Effizienzdruck in diesem System führt u.a. zu einer starken genetischen Verarmung und Konzentration auf fünf Topschweinerassen, zu hohem Antibiotikaeinsatz, zu Stickstoffüberdüngung landwirtschaftlicher Flächen und zur Verstärkung von Treibhauseffekten. Hinzu kommen die immensen Verluste der Umwandlung pflanzlicher Nahrungsmittel in tierische, „einfach aufgrund der Tatsache, dass die Konversion von Energie in Form von getreidehaltigen Futtermitteln zu tierischen Produkten einer teilweisen Vernichtung gleichkommt… Tierische Produkte tragen 13 Prozent zur Energiezufuhr der menschlichen Ernährung bei, aber zur Herstellung wird 50 Prozent der Weltgetreideproduktion aufgewandt“.

 

Dennoch steigt weltweit die Nachfrage nach Fleisch, vor allem in den Niedrig- und Mitteleinkommensländern. Und obwohl der Konsum von Schweinefleisch pro Kopf in Europa und den USA seit Jahren sinkt, nehmen hier gleichzeitig die Produktionskapazitäten beständig zu – und speisen den Export. Die Autoren von „Pig Business“ analysieren die weltweiten Dynamiken des Schweinefleisch-Marktes: „Diese gegenläufigen Entwicklungen in Asien und Europa/Nordamerika kennzeichnen die in den letzten Jahren stark expandierten Welthandelsströme von Schweinefleisch: Vor allem Europa exportiert seine Produktionsüberschüsse zunehmend nach Asien.“ 

 

Veränderungen des globalen Systems – sei es im Sinne des Tierschutzes, der Ökologie oder des Klimaschutzes – sind nicht zu erwarten. Auch die Bio-Landwirtschaft in Europa hat es in 30 Jahren nicht geschafft, im Fleischsektor eine Wende einzuleiten: „Erst allmählich entwickelte sich im Schlepptau des großen Erfolgs der anderen Bioprodukte (Obst, Gemüse, Eier, Milch) auch der Schweinefleischumsatz. Er liegt aber auch heute immer nur noch bei unter 1 Prozent des Marktanteils“, schreiben Buntzel und Co. Dennoch sehen die Autoren einen Lichtblick hierzulande. Die seit 2019 geplante Einführung eines „Tierwohl“-Labels in Deutschland ist zwar ein äußerst niedrigschwelliger Einstieg in die Verbesserung der Haltungsbedingungen, denn „die Stufe 1 bietet fast keine Verbesserung im Vergleich zum gesetzlichen Standard – die Schweine erhalten etwa 20 Prozent mehr Platz, also 0,9 Quadratmeter statt 0,75 Quadratmeter pro Schwein und sie dürfen weiterhin auf Vollspaltenboden gehalten werden. Auch der Ringelschwanz wird weiterhin routinemäßig kupiert…“

 

Aber seit im Sommer 2021 der Lebensmittelhändler Aldi verkündet hat, bis 2025 kein Frischfleisch mehr zu verkaufen, das nur dem niedrigen Tierwohlstandard von Stufe 1 entspricht, und darüber hinaus ab 2026 ein Drittel sowie ab 2030 das gesamte Frischfleisch von Tieren aus Außenstall-/Auslaufhaltung oder Biozertifizierung (Stufe 3 oder 4) zu beziehen, erwarten die Autoren einen „Durchbruch“. Sie schreiben: „Es ist keine Prophetie vorherzusehen, dass sich mindestens in Deutschland die Konsumnachfrage und die Tierhaltung stark verändern werden. Das ehemals kleine alternative Schweinesystem wird aus der Nische heraustreten und eine wirkliche gesellschaftliche und ökonomische Alternative neben dem globalen Schwein bilden können“.

 

Rudolf Buntzel wirbt mit „Pig Business“ für diese Alternative zur globalen Fleischindustrie. 

 

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