Wir tauschen uns gerne aus.

In der stratum lounge finden regelmäßig Lesungen, Diskussionsrunden, Netzwerktreffen und sonstige Veranstaltungen statt - zu Themen, die wir gerne mit Ihnen teilen möchten. Informieren Sie sich hier und kommen Sie uns besuchen!

Ein Archiv vergangener Lesungen finden Sie hier.



Das Ende der Neuzeit – Nachhaltigkeit braucht keinen Fortschritt

Am 22.06.2021 um 19 Uhr in der stratum lounge

Roland Fischer beleuchtet die Grenzen des Wachstums aus einer neuen Perspektive. Es gebe „für den Fuß des Menschen kein wertvolles Neuland mehr zu betreten“, stellt er fest, sogar eine mögliche Marsexpedition würde nur die „teuerste, nutzloseste und langweiligste Entdeckerreise“ aller Zeiten sein. Die Neuzeit als Epoche der Erschließung der Welt gehe zu Ende und der Menschheit komme folgerichtig die Fortschrittsgläubigkeit abhanden. 

 

Aus dem Mund eines Maschinenbauingenieurs, der Fischer ist (er arbeitet bei einem Windkraftanlagenbauer), mag dies eine verblüffende Botschaft sein. In seinem Buch erklärt Fischer aber gerade aus naturwissenschaftlich-technischer Sicht, dass Autos auch in hundert Jahren nicht schneller fahren werden als heute oder die Fernreise nach Australien sich nicht umweltneutral gestalten lässt. Der technische Fortschritt werde uns zwar noch viele Detailverbesserungen bescheren, aber keine grundlegenden Lösungen mehr bringen. 

 

In Zukunft gehe es deshalb nicht mehr so sehr darum, zu fragen, was wir dafür tun können, Probleme zu lösen, sondern was wir unterlassen müssen, um Probleme zu vermeiden

 

Der bevorstehende kulturelle Wandel, so der Autor, werde ein ganzes neues Zeitalter prägen, für das er auch gleich einen Namen vorschlägt: Im „Anthroponomikum“ werde die Menschheit lernen, ihre Produktivität drastisch  zu reduzieren. Roland Fischer malt uns diese Zukunft jedoch nicht als „Miserabilist“ mit Konsumverzicht und Schreckensbotschaften aus, sondern als Künder eines neuen immateriellen Wohlstands.

 

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SDGs oder Geplatzte Träume - Warum die Welt sich nicht entwickeln lässt

Am 25.08.2021 um 19 Uhr in der stratum lounge

„Es gehört Mut dazu, Tabus anzutasten“, schreibt Ernst Ulrich von Weizsäcker im Vorwort von Wolfram Stierles Buch „Über Leben in planetarischen Grenzen“. Der Stabsstellenleiter des Entwicklungsministeriums (BMZ) formuliert in diesem Buch vieles in Frageform, was sich als fundamentale Herausforderung für die heutige Entwicklungspolitik lesen lässt.

 

Es ist nicht ironisch gemeint, wenn Stierle seine Mitarbeiter im Ministerium so charakterisiert: „Im BMZ arbeiten die guten Modernisierer, die wertorientierten, menschenrechtsorientierten, Arbeitsplätze schaffenden, langfristige Interessen verfolgenden Experten für eine bessere Welt.“ Im BMZ herrsche nach wie vor der ungebrochene „Glaube, dass Entwicklung eine gute Zukunftsinvestition“ sei. Und mit den „Sustainable Development Goals“ habe man nun sein Credo für den „leuchtenden Pfad der Tugend“, eine weltumspannende Transformationsagenda für alle Staaten dieser Erde.

 

Es liegt nicht nur an der politisch schwachen Position, die das BMZ gegenüber dem Wirrschafts- oder Außenministerium hat, wenn der Autor vermutet, dass Entwicklungspolitik mit großen Worten und notorisch fordere, „was wir nicht leisten können“. Stierle folgt auch der inhaltlichen Argumentation Ernst Ulrich von Weizsäckers, dass die Umsetzung der sozioökonomischen Ziele der SDGs für acht Milliarden Menschen den ökologischen Ruin unseres Planeten bedeuten würde.

 

Darüber hinaus belegt der Autor, wieso wir uns grundsätzlich von der Vorstellung lösen müssen, für die ganze Welt „den richtigen Weg aus der Gefahr“ und in eine bessere Zukunft zu kennen. Sein Buch enthält aber nicht nur Tabubrüche und Kritik, sondern liefert konkrete Hinweise darauf, welche Kompetenzfelder für den Umgang mit Entwicklungen, die wir nicht von außen steuern können, künftig wichtiger werden könnten. Dazu gehören z.B. das Agieren unter Ambivalenz oder die Berücksichtigung von Religionen, die trotz aller Modernisierungstendenzen das Leben von 80 Prozent der Menschheit bestimmen.

 

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Es gibt ein Genug – Warum Reichtum nicht die Welt zerstören muss

Am 01.09.2021 um 19 Uhr in der stratum lounge

Schon vor über 40.000 Jahren konnten die Menschen mit Feuer umgehen. Da wundert es einen schon, dass der technologische Fortschritt nicht schon viel früher eingesetzt hat und schneller vorangeschritten ist. „Was haben die Menschen denn die ganze Zeit gemacht?“, zitiert der Ethnologe Dieter Kramer seine Frau. Tatsächlich waren die Menschen dieser „Vorzeit“ uns darin überlegen, einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln. Sie zeigen uns, dass auch große menschliche Gemeinschaften mit Wohlstand und Fülle des Reichtums dauerhaft umgehen konnten, ohne zerstörerisch zu wirken. In den teilsesshaften Wohlstandsgesellschaften des Neolithikums gab es keinen Zwang zum ständigen Fortschritt. Sie hatten offenbar ein Problem gelöst, vor dem wir heute stehen.


Unter weitreichender historischer Perspektive beleuchtet Dieter Kramer in seinem Buch „Es gibt ein Genug“ die Entwicklung menschlicher Gesellschaften und das Entstehen und Verschwinden der Kulturen. Diese Perspektive lehrt uns, dass es unstatthaft ist, frühere Geschichtsphasen nur als vormoderne Stufen auf dem Weg zur heutigen Moderne zu interpretieren. Andere Kulturen und Phasen der Geschichte hatten bereits Lösungen für die Nachhaltigkeit gefunden – in der Bronzezeit ebenso wie in der Renaissance. Kramer zeigt auf, was wir daraus für den Übergang zur Postwachstumsgesellschaft lernen könnten, vor dem wir heute stehen.


Dabei spielt der „informelle Sektor“ in den Volkwirtschaften eine große Rolle. Er ist bedeutsamer als die heutige Wirtschaftspolitik annimmt, für die es fast ein Tabu darstellt, dass Menschen freiwillig in diesem Sektor bleiben und ihn nicht nur als Warteschleife für den formellen Sektor betrachten.


Am 1. September präsentiert Dieter Kramer sein „unkonventionelles“ Buch, das einen neuen Blick auf die aktuelle Postwachstumsdebatte wirft und eher undramatisch in den Suchbewegungen, experimentellen Pfaden und molekularen Wandlungen unserer heutigen Gesellschaft die Vorboten eines neuen nachhaltigen Zeitalters aufspürt.

 

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5 vor 12 – Haben wir noch Zeit für Nachhaltigkeit?

Am 06.10.2021 um 19 Uhr in der stratum lounge

Die „Es ist 5 vor 12“-Metaphorik gehört zu den Argumentationsfiguren der Umweltbewegung seit ihren Anfängen. Seit Greta Thunberg definiert außerdem die Generationen-Metapher, die im Brundtland-Report den Beginn des Nachhaltigkeits-Topos markierte, eine neue Qualität der Auseinandersetzung, die die  (lebens-)zeitliche Dimension von Nachhaltigkeit benutzt, um moralischen Nachdruck zu entfalten.

 

Jürgen P. Rinderspacher geht in seinem Buch „Beeilt euch!“ der zeitlichen Dimension von Klimawandel und Nachhaltigkeit auf den Grund. Er analysiert u.a. die Vorstellungen, die mit der Idee von „Kipppunkten“ verbunden sind, und beleuchtet kritisch die Idee, man könne Umweltverbrauch durch mehr „Zeitkonsum“ reduzieren.

 

Das Spannende daran ist, dass Rinderspacher nicht als Idealist an die Aufgabe herangeht. „5 vor 12“ erzeuge möglicherweise mehr Panik als Handlungsbereitschaft, stellt er kritisch fest. Unsere Vorstellungen von einer notwendigen großen sozialökologischen Transformation ignorierten, dass die Umweltproblematik andernorts auf dieser Welt auch ganz anders wahrgenommen werde und mit anderen Lebensrealitäten verbunden sei als bei uns. Wir leben also möglicherweise gar nicht in einer gleichzeitigen Welt...

 

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler beobachtet „eine gefährliche Asynchronität zwischen dem politischen System eines westlich-liberalen Parlamentarismus auf der einen Seite und dem Erfordernis einer raschen Reaktion auf die Bedrohung durch den Klimawandel und andere Formen der Umweltzerstörung auf der anderen Seite“, die dazu führe, dass die Politik zu langsam auf diese Herausforderungen reagiere. Längst gebe es auch einen weltweiten Wettbewerb um ökologische Effizienz, bei dem totalitäre und autokratische Systeme möglicherweise einen Vorsprung bekommen, weil sie weniger Rücksicht auf ihre Zivilgesellschaften nehmen müssten.

 

Wobei die große Frage ist, ob Effizienzgewinne tatsächlich der Umwelt zugutekommen oder nicht durch Rebound-Effekte kompensiert werden. Auch die Zeitgewinne, die uns der Fortschritt bringt, verwenden wir ja nicht, um müßig aus dem Fenster zu schauen, sondern wir setzen sie dazu ein, ständig das eigene Lebensniveau zu steigern.

 

Trotz solcher eher skeptischer Beobachtungen gibt Rinderspacher im letzten Teil seines Buches dem Versuch sehr viel Raum, das Konzept eines „persönlichen Umweltkontos“ zu entwerfen, das zeitliche Investitionen in einen entschleunigten und ressourcenärmeren Lebensstil unterstützen und „eine tiefgreifende Wirkung auf die Struktur der persönlichen Zeitverwendung“ entfalten könnte.

 

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Globalisierung – die große Perspektive

Am 28.10.2021 um 19 Uhr in der stratum lounge

Seit Beginn der neunziger Jahre hat sich „Globalisierung“ zu einem allgegenwärtigen Begriff herausgebildet. Für die einen bedeutet Globalisierung den Inbegriff der Ausbeutung der Welt im planetaren Maßstab, für die anderen ist sie ein zivilisatorischer Meilenstein hin zu einer vernetzten, vielfältigen und reicheren Welt.


Der Ethnologe und Kulturanthropologe Rüdiger Vossen hat sich mit seinem 400 Seiten starken Überblick über die Geschichte der Globalisierung die Aufgabe gestellt, eine vorläufige Bilanz dieses Prozesses zu ziehen, die die Gewinne und Verluste verzeichnet und sich nicht nur auf die ökonomische und wirtschaftspolitische Dimension beschränkt, sondern kulturelle, soziale und psychologische Aspekte einbezieht.


Er zeichnet die große Linie der Globalisierung nach, die als „Globalisierung zu Fuß“ bereits mit der Stammesgeschichte des Menschen beginnt, über die „Weltreiche“ der Antike hin zur ersten „heißen Phase“ im 15. Jahrhundert reicht, als die Verbreitung des Buchdrucks und die Zeit der globalen Entdeckungen begann. Die Entwicklung, in der wir uns heute befinden, setzte diese Globalisierungstendenz durch Imperialismus, Digitalisierung, Massenkonsum und Massenmobilität fort.


Am Ende des Buches fällt die Bilanz des Autors eher beunruhigend aus, zu sehr scheinen die Fehlentwicklungen zu überwiegen. Dennoch versucht er eine positive Vision der Fortsetzung der Geschichte der Globalisierung zu skizzieren. Diskutieren Sie mit ihm über die Frage, warum wir heute vor einem Menschheitsprojekt stehen und welche Kräfte es dafür braucht, die Entwicklung zu beeinflussen.

 

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